Reitlehrer & Reitschüler

Schneller Erfolg oder stabile Basis?

Schulterherein, Traversalen und Fliegende Galoppwechsel. Der 130er Sprung oder der Wassergraben. Spin, Sliding Stop und Rollback. Tölt und Rennpaß. In jeder Disziplin gibt es Lektionen, die für den Zuschauer atemberaubend aussehen und die Träume aller Pferdebegeisterten beflügelt, selber einmal genau diese Dinge zu können. Also wird dieser Wunsch in der nächsten Reitstunde dem Reitlehrer gegenüber geäußert. Wie nun darauf reagieren?

Da steht man nun vor dem Dilemma einerseits den Wünschen des Reitschülers – und somit auch zahlendem Kunden – nachzukommen und andererseits sieht man, dass die gewünschte Übung im Moment für den Reitschüler nicht machbar sein wird. Feinfühlig muss an diese Sache heran gegangen werden, zuerst sind im gemeinsamen Gespräch ein paar Fragen zu klären. Wie kommt der Reitschüler aktuell zu dem Wunsch? Was ist sein Ansinnen hinter diesem Wunsch? Wie fühlt er selber sich darauf vorbereitet diese Übung zu absolvieren, was fehlt seinem Pferd an Können? Wieviel Zeit plant er selber ein, um die Übung zu erlernen? Was ist er bereit dafür zu leisten? Mit Hilfe solcher Fragen kann die Diskrepanz zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand gemeinsam mit dem Schüler erarbeitet werden. Hierbei ist es wichtig dem Reitschüler das Gefühl zu vermitteln seinem Wunsch gerne zu entsprechen. Gleichzeitig aber zu kommunizieren, dass aber – in den meisten Fällen der Wünsche – zuerst gewisse Dinge gefestigt werden müssen um weitere Teilschritte auf dem Weg zum Endergebnis zu erreichen. Auch ist schon in diesem Gespräch zu überlegen, in welchem Zeitrahmen das Vorhaben voraussichtlich klappen könnte. Nichts ist deprimierender, als wenn man das Gefühl hat nach zwei Wochen noch immer auf der gleichen Stelle zu treten, wenn einem nicht bewusst ist, dass das Endziel zehn Jahre Vorbereitungszeit benötigt. Auch bietet es sich an, ein neues Datum zu vereinbaren an dem erneut über die Wünsche und das bis dahin Erreichte gesprochen werden kann.

Natürlich ist es mir als Reitlehrer möglich Pferd und Reiter innerhalb weniger Unterrichtsstunden zu erklären, wie sie eine Hinterhandwendung gemeinsam bewerkstelligen, mit etwas Geschick wird diese dann auch tatsächlich einigermaßen korrekt durchgeführt. Ansonsten sieht ja auch eine Mittelhandwendung in den meisten Fällen ganz passabel aus und wird vom ahnungslosen Zuschauer zustimmend benickt. Es stellt sich jedoch die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer so durchgeführten Übung. Das Pferd kann von Natur aus eine solche Wendung zeigen, wäre es doch ansonsten bei einem Raubtierangriff heillos verloren. Möchte man jedoch demgegenüber den gymnastizierenden Effekt einer Lektion nutzen, muss der Reiter genügend Gefühl erworben haben, um jederzeit jedes seiner Körperteile und jedes der Körperteile seinen Pferden präzise ansteuern zu können. Nur so können Ausweichbewegungen erkannt und behoben werden. Ein Stocken im Bewegungsablauf sofort wieder in flüssige Ausführung umgewandelt werden. Ein fehlerhaftes eigenes Einwirken bemerkt werden, bevor es zu einer Reaktion des Pferdes kommt und vor allem unterscheiden können, von welchem Partner des Teams der Fehler in der Übung aktuell hervorgerufen wird. Hier erinnere ich nochmal an die Aufgabe des Reitlehrers als Dolmetscher und Mittler bei Unstimmigkeiten.

Aufgabe des Reitlehrers muss vor allem auch sein, dem Schüler gegenüber zu kommunizieren, an welcher Stelle des Ausbildungsweges man sich aktuell befindet. Vielleicht ist es bis zur gewünschten Lektion gar kein weiter Weg mehr und es wird aktuell nur neben der Lektion gearbeitet um eine Komponente zu verbessern, die die spätere Lektion besser gelingen lässt. Möchte ich mich beim Einstudieren von Zirkuslektionen an den Spanischen Schritt wagen, ist es wichtig, zuerst zu überlegen, wie ich ihn verhindert bekomme, falls er ungefragt auftritt. Dazu eignet sich zum Beispiel das Übertreten lassen. Also muss diese Übung zu hundert Prozent sicher und in jeder Lebenslage abrufbar sein. Es besteht sonst die Gefahr bei übereifrigen oder dominanten Pferden in eine gefährliche Situation zu gelangen. Hier darf man sich nun nicht ärgern, wenn diese „Nebenlektion“ ausgiebig trainiert wird. Sie ist ein Puzzelstein zum Ganzen.

Auch muss ich als Reitlehrer klar kommunizieren, wenn mir Mängel in der Ausbildung bewusst werden, die ein Vorankommen aktuell verhindern. Wenn die Sprünge auf einem Meter Höhe zwar alle vom Pferd sauber überwunden werden, der Reiter aber jedes Mal hinter die Bewegung kommt – weil die Sitzgrundlage nicht stimmt – darf ich als Trainer keinesfalls 1,10 Meter aufbauen und darauf hoffen, dass es schon funktionieren wird. Hier muss Sitzschulung über kleine Hindernisse, Sprungreihen und einladend gebaute Parcoursausschnitte oder vielleicht sogar Sitzkorrekturen an der Longe erfolgen.

Vielleicht muss aber auch noch an Grundlagen gearbeitet werden, um die Übungen dann sozusagen aus dem Nicht herbei zu zaubern. Sind die Bausteine dazu stabil, muss man sie nur noch zusammensetzen. Schritt, Trab, Galopp. Zirkel und ganz Bahn. Das Pferd gleichmäßig stabil zwischen beiden Schenkeln, Zügel leicht anstehend. In Stellung und Biegung durch die Ecken, dabei gleichermaßen auf die Führung des Pferdes achten. Vielleicht mal eine Volte, eine Schlangenlinie und ein paar Handwechsel. Was sich im ersten Moment nach einfachen Übungen anhört, kann, bewusst geritten und erfühlt, Stoff für mehrere Wochen, wenn nicht gar Monate sein. Langweilig? Von wegen, unabdingbare Anforderung. Nur so lernt man, wie Hinterhand und Vorhand des Pferdes einzeln kontrolliert werden können und schafft somit die Voraussetzung für sämtliche Seitengänge und weitere Lektionen. Sobald „Gerade“ und „Gleichmäßig“ möglich ist, ist es nur noch ein kleiner Schritt, dies in ein Hereinführen der Vorhand oder Seitwärtverschieben des gebogenen Pferdes in Bewegungsrichtung umzuwandeln. Je sauberer die Grundlagen gelegt werden und je öfters man sich darauf besinnt, diese auch zwischendurch immer wieder abzufragen, desto selbstverständlicher gelingt die eigentlich angestrebte Lektion. Diese Grundanforderungen immer wieder neu, spannend und für den Schüler interessant zu verpacken ist eine der wichtigsten Aufgaben des Reittrainer.

Noch einmal explizit gesprochen: Der Reitsport und auch die Arbeit mit Pferden im Allgemeinen, sind keine schnellen Wissenschaften, in denen man nach einem halben Jahr die Höhen der Kunst erklimmen kann. Dabei sollte jedoch auf keinen Fall vergessen werden, die Wünsche der Reitschüler ernst zu nehmen und im Gespräch mit ihnen zu klären, wie man sich ihnen annähern kann. Es erfordert sehr viel unspektakulärer, zumeist kleinschrittiger Grundlagenarbeit und Zeit, Geduld und noch mehr Zeit. Belohnt wird dies dann allerdings durch stabile Ergebnisse statt schnelllebigen, oftmals verschleißenden schnellen (Pseudo-)Erfolgen.

Ein Sprichwort aus China bringt es auf den Punkt:

„Wenn die Zeit nicht reif ist, kann es nicht geschehen; wenn sie reif ist, kann nichts es verhindern.“