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Ausgleichssport mal anders

Yogaball und Matte

Klar, das hört man immer mal wieder: Zusätzlich zum Reittraining sollte man auch für Ausgleichssport sorgen. Da stellt sich sofort die Frage, wie das denn noch in den vollgepackten Tagesplan untergebracht werden soll. Wie kann man dieses Dilemma angehen und vielleicht sogar eine gute, praktikable Lösung in den Alltag integrieren? Nicht zu vergessen die wichtigste Frage, brauche ich das wirklich? Bringt mir dieser „Ausgleichssport“ dann auch etwas?

Bedeutet das doch vor allem erstmal noch weitere wertvolle – weil so knapp bemessene – Minuten, die man aufwenden müsste. Zusätzlich dazu die Kosten für das Fitnessstudio, den Sportverein oder benötigte Ausrüstung. Zugegebenermaßen, man könnte auch joggen gehen oder eine Runde mit dem Rad drehen, aber der innere Schweinehund redet ja gerne ein Wörtchen mit…

Machen wir uns erst einmal bewusst, aus welchem Grund man neben dem Reiten anstreben sollte sich sportlich zu betätigen. Eine gewisse Grundkondition ist Voraussetzung dafür, dass man auch anspruchsvolle Reitstunden gut bewältigen kann, ohne im Anschluss an die ersten Runde Galopp nach der Sauerstoffmaske rufen zu müssen. Ein Aufbau der Kondition ist also gleichbedeutend mit weniger benötigter Anstrengung trotz erhöhter Anforderungen. Auch Gleichgewichtstraining oder Koordinationstraining macht uns fit, so dass wir die schnellen Bewegungsänderungen des Pferdes durch unseren Körper gleiten lassen können und damit sicherer in der Balance sitzen können.

Ein Punkt der erstmal schwer zu verstehen ist die Kraft und Kraftausdauer. Damit ist nicht gemeint, den Bizeps zu trainieren um noch fester am Zügel ziehen zu können, mitnichten, das wäre ein grundlegend falscher Ansatz. Wichtig in diesem Kontext ist zum Beispiel die Stärkung der Halte- und Stützmuskulatur der Wirbelsäule. Aufrechte Haltung heißt das Zauberwort und dazu benötigt es einiges an Kraft. Wie, das können Sie so nicht glauben? Setzen Sie sich mal gerade auf ihren Stuhl, nehmen Sie eine ideale Haltung ein. Und jetzt mal ganz ehrlich, wer hat so nach spätestens fünf Minuten nicht auch das Bedürfnis, sich wieder „bequemer“ hinzusetzen? Kraftausdauer heißt das Zauberwort. Schnelligkeit und Beweglichkeit sind die letzten beiden Pfeiler der fünf motorischen Grundfähigkeiten des Menschen. Einmal bewusst machen und schon ist klar, dass auf beides beim Reiten absolut nicht verzichtet werden kann.

Idealerweise sollten diese fünf Fertigkeiten (Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Koordination) einen Anteil von je 20 % haben. Individuell sind diese Fähigkeiten aber bei jedem unterschiedlich ausgeprägt, abhängig von den genetischen Anlagen, bisherigen Erfahrungen und den Bemühungen für einen Ausgleich zu sorgen. Auch macht es nicht immer gleichmäßig Sinn die 20 %-Regel anzustreben. Bei einem Kraftsportler muss ein großer Anteil der Fähigkeiten aus Kraft bestehen. Bei einem Marathonläufer wird es eher die Ausdauer sein, ein Balletttänzer wird viel Beweglichkeit benötigen. Das Ziel sollte es also sein, trotz verschiedener Gewichtung, für einen Ausgleich der Einzelteile zu sorgen. Damit kann verhindert werde, dass ein Teil überbeansprucht wird und Schaden davonträgt oder ein anderer völlig vergessen wird und somit immer mehr verkümmert.

Die Lösung des Problems können wir uns wieder mal von ganz großartigen Vorbildern abschauen, scheuen Sie sich nicht deren Rat anzunehmen, gemeinsam mit ihnen zu trainieren und neue Übungen auszudenken. Wenn Sie selber keine solchen Trainer bei der Hand haben schauen Sie sich nur ein wenig um oder erinnern Sie sich zurück und werden Sie kreativ. Die besten Trainer in dieser Sache sind Kinder. Je jünger desto „ursprünglicher“ die Bewegungsabläufe, mit jedem neuen Lebensjahr andere Bewegungen entdeckend und ausprobierend bis sie abends müde ins Bett fallen.

Kinder Sport, CC0, Pixabay, Clkr-Free-Vector-Images

Robben, Krabbeln, rückwärtslaufen, auf einem Bein springen, mit beiden Beinen gemeinsam hüpfend. Auf der Bordsteinkante balancieren, keine Linie am Boden berühren, Handstand, Liegestütz und Purzelbaum. Schaukeln ohne die Beine zu bewegen, freihändig Fahrrad fahren, Gummitwist und auf Bäume klettern. Hüpfekästchen, Wettrennen, auf Stelzen balancieren, Federball und Rollschuh laufen. Na, auch schon ein leichtes Unbehagen aufgekommen was man alles mal konnte und heute unvorstellbar scheint?

Nicht verzagen, Sie müssen ja nicht sofort ausprobieren ob die Radwende mit anschließendem Salto noch funktioniert. Aber vielleicht mal auf einem Bein stehend Zähne putzen? Oder beim nächsten Spaziergang ein paar Schritte rückwärts oder im Pferdchensprung wagen? Die Treppe ins Büro mal in großen Schritten immer zwei Stufen auf einmal nehmen? Zwei Kniebeugen auf jedem Absatz? Oder einfach mal überhaupt die Treppe nehmen statt dem Aufzug. Beim Einkaufen bewusst in die Hocke gehen um an die unteren Regale zu kommen. Auf die Zehenspitzen und die Arme ganz gerade strecken um oben eine Packung zu erreichen.

Sie werden merken, solche kleinen Übungen machen unheimlich Spaß, man merkt schnell eine Verbesserung und sie schulen nicht nur die fünf grundmotorischen Fähigkeiten, sondern auch die Flexibilität sowie die Kreativität und machen gute Laune.

Eine wichtige Anmerkung noch zum Schluss. Ärgern Sie sich nicht, wenn Übungen nicht funktionieren wollen und werden Sie hellhörig sobald Sie auch nur einen kleinsten Anflug von Schmerzen bemerken. Stoppen Sie die Übung und überlegen was genau die Ursache hierfür sein könnte. Sei es, weil ihr Körper aktuell noch nicht genügend vorbereitet oder es ihm nicht mehr möglich ist. Akzeptieren Sie diese Grenzen, entweder braucht ihr Körper noch mehr Zeit und andere Übungsteile, dass er beweglicher, ausdauernder und kräftiger wird oder vielleicht ist aufgrund von körperlichen Beschwerden, Krankheiten, Alter das angestrebte Ziel einfach zu hoch gesteckt. Vielleicht haben Sie heute aber auch nur einen schlechten Tag, gestern zu viel trainiert oder beim Garten umgraben einen Muskel verzogen.

Sie haben trotzdem etwas sehr Entscheidendes getan, sie haben sich bemüht und versucht ihrem Körper etwas Gutes zu tun. Sie haben eine Grenze erreicht und diese akzeptiert. Den allerwichtigsten Schritt können Sie jetzt aber noch mit mir gemeinsam tun. Übertragen Sie diese Erkenntnisse mal auf die Situation ihres Pferdes. Selten ist es auch hier ein „nicht wollen“, oftmals ein „nicht können“ aufgrund von Krankheiten, alten Verletzungen oder dem Alter, einem Trainingszustand, der es aktuell nicht zu lässt ein Mehr an Beweglichkeit, Dehnungsfähigkeit oder Versammlungsbereitschaft zu zeigen. Vielleicht auch nur nicht gut drauf oder gestern auf der Koppel wild mit den Kumpels gespielt und heute meldet sich zwickend ein Muskel zu Wort. Denken Sie daran, wenn Sie sich das nächste Mal beim Gedanken erwischen, das „muss“ mein Pferd noch besser können. In diesem Sinne: Wer rastet, der rostet!