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Ballett oder Hip-Hop?

Ballett oder Hip-Hop

Oh, Sie denken sie sind auf der falschen Seite gelandet? Sie wollten doch zum Blog der Reittrainerbörse? Keine Angst, Sie sind schon richtig. Aber weshalb denn dann die Rede von Ballett und Hip-Hop? Womöglich geht es gar mit Bauchtanz, Walzer, Schuhplattler oder Line Dance weiter? Dabei wollten Sie gerade etwas über Pferde und Reiten, dem Umgang oder Fütterung lesen?

Durch Zufall bin ich die Tage an ein schönes Video geraten:Eine Balletttänzerin und ein Hip-Hopper. Zuerst tanzen sie in getrennten Filmausschnitten, am Ende dann gemeinsam. Warum mich das so fasziniert? Ähnliche Videos existieren auch von Dressurreiter mit Westernreitern, Dressurreitern mit Reitern spanisch ausgebildeter Pferden. Vielleicht gibt es noch mehr solcher Kombinationen. Auch interessant der Pferdetausch von Reitern zweier verschiedener Reitweisen. Zu unserer Weihnachtsfeier haben wir bewusst eine Springquadrille mit Dressurelementen geschrieben. Es gibt Bücher über Westernlektionen für Dressurreiter und Bücher in denen bekannte Reiter und Ausbilder davon erzählen, wie sie sich aus den verschiedenen Reitweisen das Beste herauspicken und in ihre tägliche Arbeit übernehmen. Klar, ein Blick über den Tellerrand hat noch nie geschadet und wenn man die festgetretenen Wege ab und an mal verlässt, kann man großartigen neuen Input finden und sich weiterbilden.

Aber, und hier folgt ein großes ABER, das mir sehr am Herzen liegt: Bitte niemals vergessen, dass es sich bei den Beispielen um Könner handelt, um Profis in ihrem Gebiet. Warum ist es so wichtig das zu erwähnen? Egal ob Tänzer oder Reiter, die wissen, was sie tun 😉

Sie haben die Grundlagenarbeit bei sich und ihrem Pferd nach einer Reitweise gestaltet. Nicht nur für zwei Monate oder zwei Jahre. Nicht nur einmal die Woche, sondern täglich. Nicht nur in Eigenregie, sondern mit zur Reitweise passenden Trainern und Reitlehrern. Mit Pferden die für diese Reitweise gezüchtet wurden.

 

Die Grundlagenarbeit

Was verstehe ich unter „Grundlagenarbeit“? Pferd und Reiter sollten zueinander gefunden haben und sich gegenseitig vertrauen. Vertrauen, dass Hilfen immer mit der gleichen Präzision, Intensität und Konsequenz gegeben werden. Vertrauen, dass auch ein Satz zur Seite den Reiter nicht so aus der Balance bringt, dass er am Zügel hängen bleibt oder ein Bein unkontrolliert an den Bauch kommt. Die Durchlässigkeit des Pferdes muss gegeben sein um bei Übungen sicherzustellen, dass auch kurze Unstimmigkeiten schnell wieder beiseitegelegt werden können. Auch muss das Gefühl des Reiters schon gut ausgeprägt sein um frühzeitig zu bemerken, dass sich das Pferd durch neue Übungen verunsichern lässt.

Wenn man jetzt ganz ehrlich ist, muss man an diesem Punkt wohl erstmal einen Schritt zurücktreten und sich überlegen, ob man die vorgenannten Punkte wirklich erfüllt. Wenn nicht wäre das doch ein Vertrauensbruch dem Pferd gegenüber, das Verhältnis, das man sich mühevoll aufgebaut hat, mit einem unbedachten „einfach mal ausprobieren“ aufs Spiel zu setzen.

Stimmt dies alles – am besten durch einen Trainer/Reitlehrer zu beurteilen – kann man beginnen „Experimente“ zu wagen. Auf dieser Basis ist es möglich bisher gemachte Erfahrungen mit den neuen Erfahrungen abzugleichen. Dann ist zu entscheiden, ob man sie in sein Repertoire übernehmen möchte oder lieber wieder zum Altbekannten zurückkehrt. Man hat sein Pferd genügend kennen gelernt um zu bemerken, wenn es sich unwohl fühlt oder plötzlich super zufrieden ist. Man kann sich sicher sein das Pferd nicht unnötig zu verwirren, in dem es einen Tag ohne Anlehnung und am nächsten in Beizäumung gehen soll. Heute mit Geschwindigkeit einen Speed-Trail erledigen und morgen den Präzisionsparcours langsam und korrekt.

Eingeführt werden sollten die neuen Elemente wie Übungen aus der eigenen Reitweise. Vom Leichten zum Schwierigen. Auch sollte darauf geachtet werden, dass man sicherstellen kann, bei Fehlern und Problemen einen sinnvollen Lösungsvorschlag parat zu haben. Hier zeigt sich gleich schon ein kleines Problem. Woher diese Lösungsvorschläge nehmen? Man ist ja selber noch Anfänger auf diesem Gebiet. Da hilft es sich an ein Zitat zu erinnern, das wohl jedem Reiter vertraut sein wird: „Junger Reiter auf altes Pferd, alter Reiter auf junges Pferd“. Also zuallererst ab zu einen Trainer der „neuen“ Reitweise, ein paar Stunden mit einem geübten Pferd dort nehmen und bei Gefallen mit dem eigenen Pferd zum nun schon bekannten – und für gut befundenen – Reitlehrer fahren oder im Heimatstall einen Termin ausmachen. Da hat man dann auch gleich den Erfahrungsschatz mitgebucht, der einem selber aktuell noch absolut fehlt.

 

Hopper hier und Hopper dort

Ähnliche Phänomene wie bei den Reitweisen kann man auch in anderen Gebieten der Pferdewelt finden: Ich nenne sie gerne die Zusatzfuttermittel-Hopper, die alternative Heilmethoden-Hopper oder auch die Bodenarbeits-Hopper (weiter zu ergänzen nach eigenem Ermessen). Gleich vorneweg, ich habe absolut nichts gegen Zusatzfuttermittel, alternative Heilmethoden oder gar Bodenarbeit. Aber auch hier muss mit Sinn, Verstand und einer gewissen Konstanz an die Sache gegangen werden. Es empfiehlt sich Experten auf diesen Themengebieten hinzuzuziehen und nicht nur in Eigenregie in einem VHS-Kurs gelerntes Wissen für Menschen auf Pferde zu übertragen oder in einem Fachbuch die ersten fünf Seiten zu lesen und es dann beiseite zu legen, weil es nicht ganz einfach in seinen detaillierten Erklärungen ist.

Grundlagenwissen sollte in jedem Gebiet vorhanden sein, mit dem man sich beschäftigen möchte, darauf aufbauend kann mit Hilfe von Experten Fachwissen angeeignet werden. Nur mit einer soliden Basis kann entschieden werden welcher Weg, welches Zusatzmittel oder welche Art der Behandlung dem Pferd am besten dienlich ist. So kann von Anfang an festgelegt werden, was das Ziel ist, mit welchen Schritten es erreicht werden soll und auch wieviel Zeit es in Anspruch nehmen wird, bis Ergebnisse sichtbar werden. Genauso sollte auch überlegt werden in welchen Fällen man die Entscheidung zurückziehen, sich neu informieren und einen anderen Weg wählen möchte. Man vermeidet so Enttäuschungen und oben angesprochenes „Hopping“, spart im Endeffekt Zeit, Geld und vor allem schont man seine Nerven.

Klar ist, dass es zu Beginn viel Zeit und Energie kostet sich so breit auf ein Thema einzulassen und sich zu informieren. Leichter ist es natürlich die Doppellonge einfach mal einzuschnallen und zu testen was passiert. Wenn man Glück und ein braves Pferd hat, nicht viel, ob so allerdings ein wirklicher Trainingseffekt zu tragen kommt ist fraglich. Genauso kann ich natürlich auch ein Selen-Präparat zufüttern, wenn ich die Vermutung habe, dass mein Pferd einen Mangel haben könnte. Hier wird es allerdings schon etwas fraglich mit dem „einfach mal versuchen“; können solche Präparate durchaus auch negative Folgen für die Gesundheit haben.

Um den Bogen wieder zurück zu schlagen, kann man das Gedankenexperiment auch weiterspinnen. Natürlich kann ich versuchsweise mein Pferd mit einer komplett anderen Ausrüstung in die Halle führen, mich draufsetzen und herausfinden was passiert, wenn ich heute einfach komplett andere Hilfen gebe und andere Übungen reite. Mit viel Glück und einem braven Pferd (siehe oben) passiert nicht viel. Eventuell steht man dann die ganze Reitstunde über auf einem Fleck, weil es sich wundert was heute los ist und besser mal abwartet bis alles wieder normal läuft. Mit Pech…. denken wir besser nicht drüber nach.

 

Vielseitige Ausbildung

Nichts spricht dagegen Pferd und Reiter vielseitig auszubilden. Ganz im Gegenteil, die vielseitige Ausbildung von Pferd und Reiter sollte ein Grundziel des Trainings sein. Allerdings immer unter Berücksichtigung des individuellen Können- und Wissensstands von beiden. Wer könnte das besser abschätzen als ein Trainer oder Reitlehrer? Der Dolmetscher zwischen Pferd und Reiter, der Erklärbär für schwierige Inhalte und Aufgabenstellungen.

Am Ende nochmal zurückkommend auf das Video, das ich zu Beginn angesprochen habe, was ist es nun, dass mich so fasziniert an der Mischung der verschiedenen Tanzstile? Man kann die Kreativität sehen; den Ehrgeiz mit dem trainiert wurde; die Leidenschaft; die Sauberkeit der Übungen; das Können; die Freude; die Schönheit und die Liebe zu diesem Sport.

Ballett oder Hip-Hop? Kombinationen sind wunderschön und können sich reizvoll ergänzen, vorausgesetzt die Grundlagen stimmen.