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Du reitest für morgen

Reitstunde, eine schwierige Lektion, es klappt nicht ganz so wie gewünscht, unterschwellig macht sich Ungeduld breit. Nochmal, das muss doch klappen. Und dann dieser Satz meines Reitlehrers: „Du reitest für morgen“, so hat er mich zum Nachdenken gebracht. Warum denn für morgen? Ich reite doch gerade im Moment?

Es heißt doch auch immer, sei mit deinen Gedanken ganz im Hier und Jetzt, wenn du auf dem Pferd sitzt. Nicht mehr an den Stress auf der Arbeit denken, nicht im Hinterkopf haben, dass zu Hause noch die volle Waschmaschine wartet. Nicht dran denken, dass die Kinder für morgen noch Hausaufgaben machen müssen, oder am Samstag Gäste kommen. Konzentriere dich auf die Anweisungen die im Unterricht gegeben werden, setze sie zeitnah um und sammle dich. Du verlangst von deinem Pferd die volle Konzentration, dann schenke auch ihm deine volle Konzentration.
Und jetzt das: „Du reitest für morgen“, ein Blick in die Zukunft, wie passt das zusammen? Viel besser als es uns im ersten Moment erscheint.

Ich habe mehrere Möglichkeiten, eine davon ist es die Lektion immer und immer wieder zu fordern und zu üben. Ob sich da heute noch ein Erfolg einstellen wird ist fraglich und muss von Fall zu Fall gut überlegt sein. Natürlich kann es sein, dass der Fehler dadurch bedingt ist, dass ich die Lektion unkonzentriert geritten bin. Ist der Grund der, dass ich an die oben erwähne Waschmaschine denke, dann lohnt es sich vielleicht sie nochmal zu wiederholen. Diesen Gedanken kann ich sicher beiseiteschieben. Ist der Grund aber vielleicht der, dass der Sohn die Klassenarbeit nicht bestehen wird und die Klasse wiederholen muss. Dann wird es schon schwieriger den Gedanken beiseite zu schieben, in dem Fall wäre es wohl besser, die Übung abzubrechen und den folgenden Reiteinheiten auch einen entspannteren Touch zu verleihen, bis das im Moment „große Problem“ behoben ist. Einem anderen Reiter tut es jedoch vielleicht ganz gut, alles abschalten zu können und aus der Gedankenwelt zu flüchten, indem er sich schwierige Übungen aussucht die ihn fordern.

Vielleicht ist heute aber auch das Pferd nicht so fit um die Übung durchführen zu können, oder die äußeren Umstände erschweren es, sei es kaltes Wetter, viel Trubel in der Halle oder laute Traktorengeräusche. Hilft es dann die Lektion wieder und wieder zu üben? Ich vermute, dass sie in den meisten Fällen immer und immer schlechter gelingen und der Reiter noch unkonzentrierter wird. Das Pferd versteift sich oder wird sehr hellhörig und vielleicht entlädt es den Stress in einem Buckler oder verhält sich immer mehr.

Eine andere Variante ist es die Lektion zu entschärfen, in kleine Teilstücke zu zerlegen, was im Galopp noch nicht klappt, erstmal im Trab oder Schritt zu versuchen. Eine Lektionenabfolge herunterzubrechen, Vorübungen abzufragen oder eine ganz andere Lektion üben. Auch hier ist wieder zu hinterfragen, was ist im Moment möglich? Was können Reiter und Pferd in der aktuell gegebenen Situation heute leisten?

Und die dritte Möglichkeit? Abbrechen, und zwar mit dem Hintergedanken: „Du reitest für morgen!“ Aber auch abbrechen kann die unterschiedlichsten Abstufungen haben. Vielleicht bedeutet es wirklich abzusitzen, das Pferd an die Longe zu hängen, dort noch ein wenig zu bewegen oder vielleicht auch einen großen Spaziergang ins Gelände zu machen. Abbrechen kann heißen, Druck weg, leichttraben, noch ein paar Runden im leichten Sitz galoppieren. Abbrechen kann aber auch heißen, raus aus der Halle, raus aus der Situation die stresst und dann nach fünf Minuten auf dem Reitplatz nochmal versuchen.

Andere Situation, gleiches Prinzip: Wenn ich heute mein Jungpferd unterstütze in Ruhe seine eigene Balance unter dem Reiter wieder zu finden, dann investiere ich in die Zukunft. Das erfordert im Moment meine volle Aufmerksamkeit und meine volle Konzentration in dieser Minute des Reitens, aber ich investiere in die Zukunft, wenn ich ihm diese Möglichkeit schenke. Es muss mit drei Monaten unter dem Sattel keine Turnierprüfung bestreiten können, aber die Geduld und die Ruhe wird es sich für sein ganzes Leben abspeichern und darauf kann ich solide aufbauen.

Und wieder das gleiche Prinzip in anderem Zusammenhang: Der lernende Reitschüler auf dem ausgebildeten Pferd, hier kann ich durchaus, wenn es sich anbietet, am Ende der Reitstunde auch mal ein „Goodie“ ausloben oder ausführen lassen. Wenn der ängstliche Reiter am Ende der Stunde so zufrieden mit sich ist und ich ihn geführt an der Hand noch im Schritt eine Stange überwinden lasse, dann wird er diese Stange immer mit dem guten Gefühl der Reitstunde abspeichern und sich beim nächsten Mal drauf freuen. Oder dem fortgeschrittenen Reiter eine Linie anbieten, auf der das Pferd den fliegenden Wechseln „alleine“ springt.


Alles mit dem Hintergedanken: Du reitest für morgen. Du sollst morgen wieder Lust haben auf dein Pferd zu steigen, nicht noch in Gedanken bei der schlechten Lektion. Und auch dein Pferd soll Lust haben wieder mit dir zusammen zu arbeiten und nicht noch den Muskelkater von gestern spüren, weil es erst mit dem Reitergewicht vertraut werden muss. Du kannst deinen Erfolg, den kleinen Glücksmoment von gestern abrufen.

Und so kann es passieren, dass man trotzdem, oder gerade weil man im Hier und Jetzt reitet, in die Zukunft schaut und plötzlich lächelt, weil man verstanden hat, dass ein Blick in die Zukunft „Du reitest für morgen“ uns oft viel weiter bringt, wenn wir heute nicht allzu verbissen unterwegs sind.