Reitlehrer & Reitschüler

Ein Hausaufgabenheft fürs Reiten

„So, das war, die Reitstunde ist beendet, wir sehen uns dann nächste Woche wieder.“
Hochmotiviert von der gerade eben erlebten Reitstunde sattelt der Reitschüler das Pferd ab, räumt alle Sachen auf und geht beschwingt nach Hause.

Am nächsten Tag, wieder ab in den Sattel und nochmal ausprobieren, was gestern so gut funktioniert hat. Aber irgendwie ist scheinbar der Wurm drin. Nichts funktioniert mehr richtig.

Da kommen die ersten Fragezeichen auf. Ist das Pferd vielleicht müde von gestern oder aufmüpfig, weil die Pferdekumpels über die Weide am Reitplatz toben? Und wie war das doch gestern nochmal? Erst die Schenkelhilfe und dann die Zügelhilfe? Und wohin mit dem Gewicht? So irrt manch einer auf speziellen Wegen durch die Reitbahn und fühlt sich vollkommen verlassen und steigt an diesem Tag etwas verwirrt, enttäuscht oder gar sauer vom Pferd, weil einfach nichts hat klappen wollen.

Eine Anregung kann sein, gemeinsam mit dem Schüler ein Trainingstagebuch mit Hausaufgaben zu führen. Am Ende der Reitstunde wird ein kleines Ziel benannt, das bis zur nächsten Woche weiter verbessert werden soll und an das man dann anknüpfen kann. Das sollte ein kleiner Ausschnitt sein aus der aktuell erlebten Reitstunde, gerne auch etwas unter dem eben gerittenen Niveau sein. Basisiarbeit sozusagen.

  • Nehmen wir an, das Reitstundenziel waren am Punkt gerittene gute Übergängen Galopp-Schritt. Dann könnte die Hausaufgabe heißen: „Üben von Trab-Schritt-Übergängen am Punkt“. Oder auch „Reiten von guten Übergängen Galopp-Trab, achte darauf, dass das Fluss nach vorne erhalten bleibt“.
  • Man kann die Aufgabe auch als eine Art „Challenge“ formulieren: „Nimm dir am Donnerstag auf jeder Hand vier Trab-Galopp-Übergänge vor, am Samstag auf jeder Hand sechs Trab-Galopp-Übergänge und am Montag acht auf jeder Hand!“ Kleine Kästchen drunter malen und dann kann der Schüler abhaken, ob er die Aufgabe erledigt hat. Gerne kann er auch durch Smilies ergänzen wie zufrieden er war.
  • Ein anderes Beispiel: Das Reitstundenziel war ein korrektes Schulterherein an der langen Seite, Hausaufgabe könnten korrekt rund gerittene Volten sein, in guter Stellung und Biegung, die diagonale Hilfengebung beachtend.
  • Für den Springreiter lag das Thema der Stunde vielleicht beim Reiten von Bogendistanzen mit vorgegebener unterschiedlicher Anzahl an Galoppsprüngen. Über die Woche könnte man dann das Galoppsprünge verlängern und verkürzen ins Training mit aufnehmen, mit Orientierung an den Bahnpunkten zur Eigenkontrolle. „Reite Zirkel, eine halbe Runde zähle die Galoppsprünge, dann eine halbe Runde Galoppsprünge verlängern und zur Kontrolle mitzählen, danach eine halbe Runde aufnehmen.“

Der Schüler hat nun über die Woche in das kleine Heftchen zu notieren, was ihm beim Üben auffällt, was ihm schwerfällt, was gut gelingt. Vielleicht auch, wenn weiterführende Fragen auftauchen, oder er eine Idee hat, wie man etwas verbessern könnte. Je nach Ausbildungsstand können das sehr unterschiedliche Dinge sein, die da notiert werden. So kann man sich auch noch nach einer Woche daran erinnern, was man geübt hat, wo Probleme auftraten, aber vor allem auch, was gut lief. Indem man schreibt, muss man sich nochmal bewusster werden, was man gerade erlebt hat und man kann es so lange umformulieren, bis es den Kern der eigenen Empfindung wirklich trifft.

Es sollte natürlich nicht zum Zwang werden, jeden Tag etwas zu notieren oder die ganze Woche nur diese eine Aufgabe zu bearbeiten, natürlich sollte weiterhin Abwechslung in den gerittenen Einheiten und auch in der Art der Bewegung – Dressur, Springen, Gelände, Longieren oder Koppeltag – bestehen.

Ein weiterer Vorteil dieses Heftchens ist, dass man sein Training langfristig etwas besser überblicken, die Fortschritte, die in einem halben Jahr passieren, nochmal nachschlagen, nochmal Revue passieren lassen kann. Es ist immer wieder interessant sich bewusst zu werden, was vor einem Jahr schwer war und nachdenken, ob es inzwischen leichter von der Hand geht.

Vielleicht ergibt sich dadurch auch eine neue Idee, was man reiten könnte, wenn mal gar nichts laufen mag, einmal durchs Büchlein blättern und schauen, was man bei den Stärken von Reiter und Pferd notieren konnte. Oder

Wer seine Reiteinheit hinterher kurz reflektiert, der hat die besten Chancen irgendwann dahin zu kommen, sie auch schon im Voraus planen zu können, sich die besten Übungen rauszupicken und sich dessen bewusst zu werden, was Reiter und Pferd leichtfällt und voranbringt. Dann wird es irgendwann dazu kommen, dass man nicht mehr die Übung um der Übung willen reitet, sondern dahinter sehen kann. Zu verstehen, was der eigentliche Zweck und Inhalt einer Übung ist. Warum man sie eigentlich reitet und somit auch automatisch das Verständnis haben, sie immer weiter zu verbessern. So schreitet man immer weiter auf dem Weg, sich und sein Pferd zu verbessern, um irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem alles ganz „einfach“ läuft.

„Reite nicht die Lektion, reite den Inhalt“

(Bent Branderup)

So ein kleines Heftchen kann genau dabei helfen: Die Fortschritte zu sehen, die Stärken und Schwächen mit den dazugehörigen Lösungsansätzen und vor allem aber auch helfen, ein Stück weit vorwärtszukommen auf dem Weg zum pferdegerechten Reiten. Sich dessen bewusst werden, aus welchem Grund wir eine Lektion oder Übung reiten, hilft dabei zu erkennen, wie man sie stetig verbessern kann.