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Wäre ich gerne mein eigener Reitschüler?

Ab und zu lohnt es sich, den eigenen Reitunterricht zu hinterfragen und zu überlegen, ob man selbst gerne Lust hätte, bei sich Unterricht zu nehmen. Manchmal gibt es einen besonderen Anlass dafür, manchmal ergibt es sich auch ohne Grund. Wenn ich bemerke, dass meine Schüler weniger Unterricht bei mir nehmen möchten, oder unzufrieden aus den Stunden gehen, dann lohnt es sich darüber nachzudenken, welcher Ursache dahinterstecken könnte.

Alle möglichen Auslöser und Hintergründe hier näher zu belechten würde den Rahmen des heutigen Beitrags sprengen. Was ich euch aber mitgebracht habe, sind eine Handvoll Tipps und Gedanken, die helfen können, eure aktuelle Situation zu reflektieren und hinterher sagen zu können: „Mhm, vielleicht sollte ich dies und jenes ändern, damit ich wieder bessern Unterricht machen kann“ oder aber auch, und das würde mich freuen: „Ja, ich wäre gerne mein eigener Reitschüler!“

Für alle Reitschüler: Lest diesen Text nicht nur unter dem Aspekt, ob euer Reitlehrer diese Punkte erfüllt, sondern durchaus kritisch unter dem Gesichtspunkt, ob ihr diese Dinge als Reitschüler dem Reitlehrer gegenüber erfüllen könnt. Denn:

Erwarten kann ich nur, was ich zu geben bereit bin.

  • Tipp 1: Sei dir dessen bewusst, was du tust. Habe Wissen über die Inhalte, die du vermitteln möchtest. Strahle Selbstbewusstsein aus, das überträgt sich auch auf deinen Schüler.
  • Tipp 2: Sei authentisch, sei echt. Spiele nicht vor, dass du Spaß am Unterrichten von Anfängern hast, wenn dem nicht so ist. Stehe zu deinem Unterrichtsstil und deiner Art das Reiten zu vermitteln.
  • Tipp 3: Sei im Hier und jetzt. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, gerät aber in unserem heutigen Alltag zu schnell aus dem Blick. Handy aus, Bandengespräche auf nach dem Unterricht verschieben. Nimm dir die Zeit und Ruhe dich ganz auf deinen Unterricht zu konzentrieren, so wird er zufriedenstellender für beide Seiten.
  • Tipp 4: Sei ohne Erwartungen. Beginne deinen Unterricht jedes Mal neu. Keiner kann voraussehen, wie es Pferd und Reiter heute geht, was sie die letzte Woche trainiert haben oder ob sich einer der beiden in der Nacht verlegen hat und heute die Muskeln ziepen. Das ist nicht damit gleichzusetzen, dass du keinen groben Plan für die Unterrichtsstunde haben solltest. Ein Ziel, auf das man hinarbeitet, sollte gegeben sein, aber habe nicht im Kopf, dass das heute und in genau dieser halben Stunde Unterricht erreicht sein muss.
  • Tipp 5: Sei emotional. Zeige gerne, ob du dich über eine gute Ausführung einer Lektion so richtig freust oder auch mal sauer bist, weil dein Reitschüler wieder einmal vergessen hat, die Reithalle nach der Benutzung abzuäppeln. Wichtig hierbei: Kontrolliere deine Emotionen und sei nicht nachtragend.
  • Tipp 6: Sei fair. Sei fair zu deinem Reitschüler, aber auch zu dir selbst. Wenn du merkst, dass dir die Kombination mit einem Reitschüler, mit Mitreitenden in der Halle, oder der Stimmung in einem Stall nicht zusagt, dann sei so fair zu dir selbst, Alternativen zu bedenken. Vielleicht bietet sich eine andere Tageszeit oder ein anderer Wochentag an, um störenden Mitreiter zu umgehen. Vielleicht kann man den Reitschüler an einen Kollegen weitervermitteln.
  • Tipp 7: Erkenne, dass alle diese Punkte miteinander zusammenhängen und nicht einzeln betrachtet werden können. Nur wenn ich mir die Zeit nehme, im Hier und Jetzt mit meinem Schüler zu arbeiten, kann ich ihm echtes Feedback geben und mich über seine Fortschritte freuen. Wenn mir die Atmosphäre in einem Stall nicht liegt, da ein hohes Level an Ehrgeiz aus allen Ritzen kriecht, dann werde ich mir schwertun, nicht mit Erwartungen in eine Reitstunde zu starten und versuchen ein gestecktes Ziel auf jeden Fall, am heutigen Tag, erreichen zu müssen.

Zum Abschluss noch einen spannenden Punkt, der mir beim Schreiben dieser Tipps gekommen ist. So viele der Anregungen und Gedanken lassen sich auch auf das Pferdetraining von nervösen oder schwierigen Pferden übertragen. Lest den Text gerne auch nochmal unter diesem Aspekt durch. Auch aus der Perspektive des Reiters gegenüber seinem Pferd lassen sich gute Schlüsse ziehen. Noch hintergründiger spannend fand ich aber, dass sich diese Tipps auch auf das Miteinander im alltäglichen Leben und in besonderen Situationen übertragen lässt. In diesem Sinne: Einmal verinnerlicht, gleich vielfacher Nutzen 😉