Unterrichtsgestaltung

Eine Reitstunde entsteht

Die Sommerferien sind schon ein paar Tage um, dennoch möchte ich euch nicht vorenthalten, was mit einer Gruppe Kinder und Jugendlichen in dieser Zeit Besonderes entstanden ist. Wann immer sich die Möglichkeit ergibt, biete ich auch verschiedene Kleingruppenkurse an. Mal zum Thema longieren, mit mit Schwerpunkt Ausbildungsskala, ein anderes Mal geht es intensiv um die Theorie und weniger um das Reiten.

So kam dann auch vor den Sommerferien die Frage auf, ob wir nicht zu Thema Hufschlagfiguren einen Kurs machen könnten. Das Problem war jedoch, dass jede Woche andere Kinder, Jugendliche und Erwachsene die „Zu-Hause-Gebliebenen“ waren. Somit war die Gruppe nicht nur vom Alter her, sondern auch vom Wissens- und Reitkönnenstand inhomogen und die Teilnehmer wechselten jede Woche.

Jeweils die erste Einheit an jedem Trainingstag, sieben insgesamt, war der Theorie gewidmet. Wie sind die Maße der Reithalle? Wie kann ich sie so in kleine Quadrate unterteilen, dass plötzlich ganz logisch wird, wie und wo ein Mittelzirkel zu reiten ist? Warum brauche ich Stellung und Biegung? Was ist der Unterschied zwischen beidem? Ab wann sollten man die Schlangenlinien durch die Bahn nicht mehr gerade reiten, sondern besser geschwungen? Wie viele geschwungene Bögen bekomme ich in einer Reithalle unter? Welches Hufschlagfiguren fordern das Umsitzen beim leichttraben und wo? Wir wiederholten jede Woche kurz das Thema der vorangegangenen Woche um das Gelernte zu intensivieren, die Teilnehmer dazu anzuregen, auch mal als „Lehrer“ aufzutreten und den anderen die Möglichkeit zu geben, von allen Themen etwas mitzunehmen, selbst wenn sie zwei Wochen in Spanien oder Italien unterwegs waren.

Der zweite Teil war dann das praktische Reiten. Die Reithalle gespickt voll mit Hütchen und Stangen, jeweils für eine bestimmte Hufschlagfiguren-Gruppe in Variationen gelegt. Zirkel und Volten, ein anderes Mal Schlangenlinien, die Woche darauf lautete das Thema Volten und Kehrtvolten. Wir begrenzten bewusst auf Schritt-Trab-Arbeit. Jede Aufgabe wurde zuerst in Ideallinie im Schritt geübt, danach folgte der Umsetzungsversuch im Trab.

Dann kam der letzte Termin. Alle Teilnehmer waren nun schon mindestens zwei Mal bei Übungsstunden dabei gewesen. Das Alter der heutigen Teilnehmer lag bei zehn Jahren bis jungerwachsen. Die Aufgabenstellung für den heutigen Theorieteil lautete: Entwerft eure eigene Reitstunde.

Im ersten Moment waren die Augen sehr groß, dann ging das Diskutieren los. Ein Haufen von Ideen kam da sprudelnd hoch, von Galoppschnecken um Hütchen über Schlangenlinien mit Rückwärtsrichten bis hin zur Kehrtvolte auf dem Mittelzirkel. Bei all diesen Vorschlägen hielt sich ein Mädchen sehr zurück, man konnte sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitet. Sie war es dann auch, die den Vorschlag brachte, dass doch jeder seine Lieblingshufschlagfigur und die Hufschlagfigur, die am schwierigsten sei, auf einen Zettel notieren solle. Erstaunlicherweise hatten alle recht ähnliche Lieblingsfiguren, große Linienführung mit definierten Punkten: Schlangenlinie mit vier Bögen, Mittelzirkel, … Und ähnliche Hufschlagfiguren, die schwer fielen: Volten an der langen Seite, doppelte Schlangenlinie, Viertellinie, …

Es sollte also eine Lieblings-Hufschlagfiguren-Stunde werden. Papier und Stifte lagen bereit, dann ging es los. Wo sollten die Hütchen stehen? Wo die Stangen liegen? Es wurde eine Reithalle mit den richtigen Abmaßen aufgemalt und die Hufschlagfiguren eingezeichnet, die geritten werden sollten. Der erste Versuch endete damit, dass man auf dem Blatt Papier nichts mehr erkennen konnte. Der zweite Versuch war schon etwas besser, aber weiterhin durcheinander. Zusätzlich kam die Frage auf, wie viel Abstand denn eigentlich die Stangen von einander haben müssten. Schritt und Trab bräuchten ja laut dem Buch in dem sie nachgeschlagen hatten, ganz andere Abstände. Und dann war da noch das Problem, dass später nicht nur gleichgroße Pferde in der Halle mit dabei sein würden, sondern vom Shetty bis zum Großpferd alle möglichen Schrittlängen durchdacht sein müssten. In der Zwischenzeit hatten sich die beiden jüngsten eine Schere geschnappt und aus dem Papier kurzerhand Stangen und Hütchen ausgeschnitten. So konnte der dritte Versuch des Hütchen/Stangen-Aufbaus deutlich schneller korrigiert werden, sobald klar wurde, dass ein Teil der Gegenstände mitten auf dem Weg einer anderen Hufschlagfigur stand.

Als das Endergebnis stand und von mir abgesegnet wurde, ging es ans Aufbauen in der Halle. Auch hier zeigte sich wieder kurz, dass es nicht so leicht ist, einen Plan von 20 x 40 Zentimetern in einer Reithalle mit 20 x 40 Metern umzusetzen. Es war schön mitzuerleben, wer aus dieser Gruppe die grobe Organisation übernahm und wer die Feinheiten erkennen konnte. Die eine lief die Figuren zu Fuß und merkte an, wenn eine Stange nicht mittig zu überreiten war, dann wurde nachkorrigiert. Mit einem Rechen bewaffnet ebnete eine den Hufschlag, so dass die Figuren nachher auch korrekt geritten werden konnten. Eine andere hatte die Uhr im Blick, damit alle rechtzeitig los gingen um die Pferde zu richten.

Auch die Reiteinheit selber gestalteten wir gemeinsam: Wer behält die Uhr im Blick, bis ausreichend Schritt zum Aufwärmen geritten war? Wer ist zuständig um den nächsten Handwechsel anzusagen? Hier war von meiner Seite aus wieder ein wenig mehr Hilfe nötig, sonst hätten wir alle zwei Runden einen Handwechsel gemacht oder 20 Minuten lang keinen. Meine Aufgabe war es in diesen Stunden der theoretischen und praktischen Einheit immer wieder zu erkennen, wann die individuellen Grenzen der Reitschüler erreicht waren, dort konnte ich mit kleinen Hilfestellungen ansetzen und moderieren eingreifen.

Oft haben wir auch gemeinsam eine kurze Pause gemacht und zusammen überlegt, was eine sinnvolle Lösung für ein Problem sein könnte. Ein kleines Beispiel hierzu: Durch die vielen Schritt-Trab-Übergäng hat sich eines der Pferde etwas aufgeregt und als vor der Halle geräuschvoll ein Paar Transportgamaschen mit großen Klettverschlüssen geöffnet wurde, erschreckte sich das Pferd so, dass es einen Hüpfer mit einer kurzen Galoppeinlage machte. Gemeinsam haben wir erörtert, warum das Pferd überhaupt in diesen Modus kam, dass es plötzlich so leicht zu erschrecken war. Wir stellten fest, dass es eigentlich ein gutes Zeichen ist, dass Pferde während der Arbeit so aufmerksam werden. Dass man individuell aber auch für jedes Pferd entscheiden muss, was ein Zuviel an Aufmerksamkeit ist und wann es beginnt zu kippen. Der Lösungsvorschlag der Kinder und Jugendlichen war es, alle Pferde in Kleingruppen in einer aktive Pause mit Galopparbeit im leichten Sitz wieder zu beruhigen und zu lösen. Das aufgeregte Pferd zuerst auf dem oberen Zirkel weg vom Schreckerlebnis. Dann im zweiten Schritt mit Führpferd, zuerst im Trab, dann im Galopp, an C vorbei. Hinterher waren Pferde sowie Reiter wieder entspannter und wir konnten mit den ausgedachten Übungen weiter machen.

Beim gemeinsamen Aufräumen hatte ich viele zufriedene Gesichter um mich herum. Nur eins der größeren Mädchen war etwas verstimmt. Erklären konnte ich es mir im ersten Augenblick nicht, es war doch während der Reitstunde soweit alles gut verlaufen, auch ihre Lieblingshufschlagfigur war dabei gewesen und sie hatte ein Pferd reiten dürfen, das sie eigentlich sehr gerne reitet. Darauf angesprochen reagierte sie etwas unwirsch und meinte: „Es sei schon alles in Ordnung“.

Ein paar Tage später ergab sich dann die Situation, sie nochmal darauf anzusprechen, sie reagierte etwas erschrocken: Es habe ihr sehr gut gefallen und sie sei doch sehr zufrieden gewesen. Aber, das fiel ihr dann wieder ein, sie sei ein wenig enttäuscht von sich gewesen, sie habe sich doch solche Mühe gegeben und trotzdem sei ihr erst während der vergangenen Stunden des Kurses bewusst geworden, wie viel sie noch zu lernen habe. Wie viel anspruchsvoller das gesamte Drumherum ums Pferd, also nicht nur das „Darauf sitzen“, sondern vor allem sich das Gedanken machen um sein eigenes Reiten, einen sinnvollen Trainingsaufbau und die Kontrolle des eigenen Tuns doch sei. Als der Kurs dann zu Ende war, sei ihr das nochmal deutlich bewusst geworden und darüber habe sie nachdenken müssen.

Das war der erste Versuch eine Reitstunde, bzw. auch deren Planung komplett in die Hände einer Gruppe zu legen und selber nur noch als Moderator und Problemlöser aufzutreten. Mein Fazit ist, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, so etwas im Rahmen eine Kurses gerne zu wiederholen. Für die tägliche Arbeit ist es jedoch eher schwierig umsetzbar. Es erfordert einiges an Zeitaufwand von beiden Seiten, man muss sich darauf einlassen können, dass das Thema vielleicht eine ganz andere Richtung schlägt, die man eigentlich vorgesehen hatte. VonVorteil war, dass die Teilnehmer der Gruppe sich und ihr Reitkönnen gegenseitig gut einschätzen konnte, so dass sie die Übungen sinnvoll auswählt haben. Das brachte mir die Möglichkeit mich wirklich zurück halten zu können und die Gruppendynamik nicht mit ständigen Verboten, Ermahnungen oder Einschränkungen zu stören.

Bewusst wurde mir mal wieder, dass auch Kinder, die vom reittechnischen her noch nicht so weit sind, durchaus durch ihre Idee Stangen und Hütchen auszuschneiden, die gesamte Gruppe auf ein bessere Niveau führen können und dass die zurückhaltenden Kinder ruhig ermutigt und hinterher bestärkt darin werden können, ihre Gedanken zu äußern. Sie hatte dadurch das Thema der Stunde definiert. Es braucht die „Macher“, die einfach anfangen die Stangen in der Halle zu verteilen und die, die dann für den Feinschliff sorgen. Es braucht einen, der die Zeit im Auge behält, ebenso wie den, der sich um die Gruppe sorgt und alle ermuntert beim Abbauen mit zu helfen. Schlussendlich braucht es auch einen, der den großen Überblick behält und bei Problemen die Lösungen parat hat oder hilft sie zu entdecken. Auch in dieser Art der Unterrichtserteilung hat der Reitlehrer weiterhin eine wichtige Rolle, in der er sich selber jedoch auch erst einmal finden und wohlfühlen lernen muss.

Den größten Gefallen aber hat mir das Mädchen getan, das am Ende der letzten Stunde so verstimmt schien. Sie hat mir nicht nur mal wieder vor Augen geführt, wie viel mehr das „Reiten“ eigentlich beinhaltet und wie viele Dinge für uns Ausbilder schon so zur Routine geworden sind, dass wir sie nicht mehr wirklich sehenden Auges bemerken, ihre Botschaft an mich war noch eine ganz andere:

Sie hat mir damit vor allem umso mehr gezeigt, dass auch ihr diese Stunden Spaß gemacht haben, dass sie traurig war, dass diese Zeit, die ihr weitergeholfen hat, nun erst einmal um ist. Was mir bei dem Gedanken an ihre Traurigkeit aber sehr zuversichtlich stimmt, ist das Wissen, dass, gerade weil sie sich soviel Mühe gibt und soviel Fleiß investiert, es sicher in Zukunft dazu führen wird, dass sie weiter an ihrem Traum festhalten kann, das Reiten „richtig“ in all seinen Facetten zu erlernen.