Reitlehrer & Reitschüler

Ja, ich habe es verstanden…

Wie oft bekommt man diese Antwort von einem Reitschüler auf die Frage: „Hast du das verstanden?“ Kann man sich wirklich sicher sein, dass die Antwort „Ja“ auch wirklich das „Ja“ bedeutet, das wir brauchen, um im Unterricht weiter voran zu kommen?

Kann es nicht vielleicht auch bedeuten: „Ja, ich habe die Worte vernommen, die du gesprochen hast und habe sie so interpretiert, wie ich denke, dass es von dir gemeint ist.“ Oder vielleicht auch: „Ja, ich denke, ich habe irgendetwas von dem verstanden, was du gesagt hast und beantworte die Frage jetzt lieber mal positiv, sonst müsste ich zugeben, dass ich vielleicht nur einen kleinen Teil verstanden habe“. Oder vielleicht auch: „Ja, ich habe es wirklich verstanden, du erklärst das jetzt zum tausendsten Mal und es langweilt mich, aber ich traue mich nicht dir das zu sagen“. Unter Umständen ist es vielleicht auch ein ganz zögerliches: „Ja, eventuell, vielleicht, aber umsetzen? Das schaffe ich sicher nicht.“ Meistens aber wohl eher ein: „Ja, also einen Teil habe ich verstanden, auf meine Art, ob es jetzt jedoch das ist, das du meinst…?“

Es muss jetzt aber nicht unbedingt heißen, dass die Schüler die Aufgabe nicht verstehen wollen, sondern liegt unter Umständen einfach auch daran, dass sie die Aufgabe gar nicht verstehen können. Ihnen fehlt der theoretische Hintergrund oder die reiterliche Erfahrung, das Gefühl für sich selber oder für die aktuellen geforderten reiterlichen Bedürfnisse.

Viel besser geeignet sind Rückfragen an die Schüler, mit der Bitte noch einmal in eigenen Worten zusammen zu fassen, was die Aufgabenstellung ist, oder wie die benötigten Hilfen für eine bestimmte Lektion umgesetzt werden sollen. Achtung auch hier: Wenn dieses Procedere für den Schüler unbekannt ist oder er sich nicht sicher mit seinen Worten fühlt, sollten hier für den Beginn weitere Hilfestellungen angeboten werden. Auch das Formulieren der eigenen Empfindungen, Gefühle und das Beschreiben von komplexen Aufgabenstellungen sowie Positionen und Einsatz von Gewichts- Schenkel- und Zügelhilfen muss erst erlernt werden.

Ein Beispiel wäre es, den Schüler zu bitten die eben erklärte Aufgabe „Trab-Halten“ durchführen zu lassen. Statt ihn daraufhin sofort mit den Worten – „Der Übergang war sehr abrupt, du musst dein Pferd mehr in die Hand treiben. Durch energischeres Untertreten verhinderst du ein Fallen auf die Vorhand, die Hand erhält die Verbindung ohne ins Rückwärts zu wirken und du musst am Ende das Halten mit nachgebender Zügelhilfe belohnen.“- zu überrumpeln, empfiehlt es sich eine Rückfrage zu stellen: „Wie denkst du, hast du diese Aufgabe lösen können? Was ist gut gelungen? Was müssen wir beim nächsten Mal mehr beachten? Welche Vorübung sollten wir angehen?“

Und gleich mal eine kleine Zwischenbemerkung: Nein, mit dieser Art des Unterrichts macht man sich als Reitlehrer ganz und gar nicht überflüssig. Klar, man regt den Schüler zum mitdenken an, man versucht ihn an einen Punkt zu bringen, in dem er selbständig Aufgaben lösen kann, idealer Weise irgendwann völlig unbemerkt vom Reitlehrer in der eben durchgeführten Lektion. Aber ist das nicht genau der Punkt an den man hin möchte? Stellen wir uns mal vor der Reitlehrer müsste beim Leichttraben nach Jahren noch immer mit den Worten „Auf-Ab-Auf-Ab“ unterstützen, es wäre kein weiterführender Unterricht möglich. Genau so muss es auch mit allem anderen werden. Fortschritt ist nur möglich indem manche Dinge zur Routine werden.

Mit Hilfe eines solchen Gespräches kann man auch sehr effektiv unterscheiden, welches der momentane Schwachpunkt in der reiterlichen Ausbildung ist. Ist es mehr das Verständnis für die theoretischen Zusammenhänge? Das Zusammenspiel der Hilfen und der Vorstellung wie die Übung eigentlich aussehen soll? Oder ist es vielmehr die Komponente des Fühlens und Erkennens, also eine Sache die sich nur über das Reiten an sich lösen lässt? Auch hier gilt es dann, den Unterricht entsprechend anzupassen. Vielleicht ist es auch nötig einen oder mehrere Schritte zurück zu gehen, bestimmte Dinge noch mal zu wiederholen und zu festigen. Auch in diesem Punkt wird der Reitlehrer nicht entbehrlich werden, ihm obliegt es mit seinem Wissens- und Erfahrungsschatz diese Unterscheidung machen zu können und dementsprechend die Übungen sinnvoll auszuwählen.

Hier kommen wir dann auch schon zum zweiten wichtigen Punkt: Der erste Schritt muss abgeschlossen sein, bevor man mit dem zweiten beginnt. Klar, wie Kloßbrühe denkst du dir jetzt. Wirklich so klar? Gibt man nicht manchmal den Forderungen des Reitschüler nach und lässt ihn eine Übung reiten, die aktuell noch gar nicht sinnvoll ist? Oder überlegt man sich, dass man mal etwas Neues ausprobieren muss, dass der Reitschüler sich nicht langweilt? Mal ein „Goodie“ um die gute Laune zu erhalten?

Sicher, manchmal ergibt es sich, dass man Schritt eins und zwei etwas versetzt nebeneinander herlaufen lässt, es bietet sich sicher auch an, dem Pferd oder dem Reiter ein „Goodie“ anzubieten, das steigert die Motivation zu sehen, was mal möglich sein könnte. Es ist auch nicht verkehrt etwas Neues in den Unterricht mit einzubauen, eine weitere kleine Hürde oder Schwierigkeit kann ja auch dazu dienen den aktuellen Stand abzufragen. Im Insgesamten muss das obig geschriebene aber beachtet werden. Keiner baut ein Haus und beginnt mit dem Dach, wenn unten noch nicht einmal die Grundmauern gezogen sind. Innenwände können jedoch auch durchaus noch später noch ergänzt werden. Fragen wir uns also: „Sind alle meine verwendeten Fachbegriffe verständlich für den Schüler?“ „Sind Pferd und Reiter bereit die neue Aufgabe anzugehen?“ „Sind die Grundlagen wirklich so sicher, dass man darauf aufbauen kann?“ Dann steht auch einem kleinen „Experiment“ nichts im Wege.

Nun viel Spaß bei der nächsten Unterrichtsstunde und wenn ihr euch mal wieder bei der Frage: „Hast du das verstanden…“ erwischt, dann schiebt ganz schnell ein „… dann erkläre es mir doch mal!“ hinterher. Auf das aus dem „Ja, ich habe es verstanden“ ein „Ja, ich sehe, du hast es wirklich verstanden“ werden kann.