Reitlehrer & Reitschüler

Kinderreitunterricht-eine Herausforderung?!

Immer mehr Kinder und Jugendliche kommen mit denkbar schlechten Voraussetzungen zum Reitunterricht und insbesondere den ersten Reitstunden. Wie können wir dieses Problem angehen? Worin genau liegen die Schwierigkeiten der Kinder? Und was haben wir für Möglichkeiten die Stärken und Schwächen schon frühzeitig zu erkennen?

Montag bis Freitags Ganztagesschule, Hausaufgaben in Englisch und Mathematik. Doppelschulstundenprinzip, große Pause auf dem Betonvorplatz. Eine Stunde Schulsport in der man es vielleicht schafft ein kurzes Ballspiel zu spielen, bevor es wieder mit Deutsch und Erdkunde weitergeht. Die Schulschach-AG, der Zirkusworkshop und natürlich auch noch die Klavierstunde. Zwischendurch mal eben in den Stall, rauf auf das Pferd und wieder runter.

Die Freizeit vor dem Laptop oder am Handy. Wissen kompakt vorgekaut, mit ein bisschen Glück ein Spaziergang am Wochenende, wenn Besuch zum Nachmittagskaffee kommt.

Was fehlt sind Anreize sich, insbesondere motorisch, auszuprobieren. Bewegungserfahrungen zu sammeln, Natur zu erleben. Den Umgang mit anderen Kindern und Erwachsenen zu erlernen, sich Dinge selber zu lehren durch Ausprobieren und Fehler machen.

Genau mit diesen fehlenden Erfahrungen stehen nun, sagen wir mal, vier Kinder vor uns. Alle mit dem Wunsch reiten zu lernen:

Miriam, 10 Jahre alt, hat im Internet ein tolles Pferdespiel gefunden, das sie nun tagtäglich spielt, ihr Pferd umsorgt und pflegt und schon auf L-Niveau Dressur und Springen mit ihm geht. Was Miriam fehlt ist eindeutig die Bewegung. Rund ist sie für ihr Alter, kann kaum auf einem Bein stehen ohne umzufallen. Mit Tränchen in den Augen wird sie von ihrer Mama getröstet, das sei doch nicht so schlimm, das könne sie schon noch lernen, sie sei doch erst 10 Jahre alt, da müsse man noch nicht auf einem Bein balancieren können.

Carlotta-Valeska, 8 Jahre alt, kommt im hellen Reithöschen an. Hoch karierte Kniestrümpfe, feine Reithandschuhe. Pferde kennt sie noch nicht und beim ersten Kontakt ekelt es sie sehr vor den Pferdeäpfel in der Box und den Haaren in ihrem Gesicht. Sie kann nichts mit dem genüsslichen Ausdruck des Pferdes beim Putzen anfangen und weigert sich die Hufe auszukratzen, das wäre zu dreckig.

Finn, 11 Jahre alt, kommt direkt von der Schule. Nach der Schule gab es heute eine große Auseinandersetzung mit seinen Freunden um ein Mädchen, das mehrere toll finden. Gepusht vom Adrenalin und sowieso heute sehr krawallig gebürstet, versucht er seinen Übermut und Bewegungsdrang im Schacht zu halten. Schulsport ist heute mal wieder ausgefallen, die Englischarbeit war schwer und dann zuerst noch Hausaufgaben erledigen, bevor es endlich in den Stall ging. Jetzt steht er vor Flippo und ärgert sich, dass der am Putzplatz nicht stillsteht und ihn ständig anrempelt. Wie lange das noch gut geht?

Marie, 13 Jahre alt, hat eben extra noch nachgelesen, wie die Hilfen fürs Rückwärtsrichten richtig funktionieren. Auf dem Pferd gesessen ist sie noch nie, die Reitlehre kann sie dagegen schon auswendig. Sie kennt sich mit Haltung und Fütterung aus, sie hat Lehrvideos von Eckard Meyners und Uta Gräf gesehen. Als die Reitlehrerin ihr die Aufgabe gibt den Verschluss am Halfter zu schließen scheitert sie kläglich. Auch die kreisenden Bewegungen mit dem Striegel oder das Ausstreichen der Kardätsche am Striegel erfordern ihre ganze Aufmerksamkeit und lange Zeit. Mal sehen, ob sie es nachher schafft auf das Pferd aufzusteigen, ohne mit dem Bein an der Kruppe hängen zu bleiben oder ihm in den Rücken zu fallen.

Klar, ihr habt schon bemerkt, dass ich diese vier Beispiele etwas überspitzt dargestellt habe. Wobei, wenn ich kurz nachdenke, fallen mir tatsächlich zu all den Beispielen genügend Kinder ein, die vor den gleichen Herausforderungen stehen wie diese vier erfundenen Kinder.

Welche Möglichkeiten haben wir nun, den Kindern den Zugang zum Pferd zu ermöglichen und ihnen zu helfen? Ich versuche mein Konzept in jeweils ein paar Sätzen darzustellen:

  1. Gruppenunterricht: Wir müssen die Kinder wieder vermehrt dazu anregen gemeinsam und voneinander zu lernen. Aber auch das muss im ersten Schritt erlernt sein. Hilfestellung beim Helfen geben: „So kannst du dich hinstellen und ihr helfen den Sattel aufzulegen.“, „Du darfst es erklären und genau beschreiben, sie darf es machen und nachher tauschen wir.“, „Schaut euch an, wie sie das mit Zügel nachfassen macht, wer kann das so nachmachen?“
  2. Einladen die Pferde auch außerhalb der Reitstunden kennen zu lernen und sich mit anderen Kindern im Stall zu treffen. Ponys auf der Weide beobachten, beim Füttern helfen oder einfach eine Runde auf dem Strohboden dösen. Natur und Pferde in aller Vielfalt erleben. Wie rieselt der Hafer durch die Finger, wie duftet frisches Heu oder Gras nach dem Regen, wie laut sind Pferde beim Fressen, wer erkennt den Chef in der Pferdeherde. Vielleicht bietet sich auch ein „Pferdeerlebnistag-hören, riechen, schmecken, fühlen, sehen“ an?
  3. Altersentsprechenden Gruppen bilden, wobei hier auch Ausnahmen nötig und möglich sein können. Lieber nehme ich ein Kind nochmal einen Schritt zurück, bevor ich es ängstige und überfordere. Besser bleibt es „zu lange“ in einer spielerischen Gruppe und fühlt sich dort wohl, statt dass es im Unterricht untergeht und den Mut oder den Spaß verliert.
  4. Theorie: Vor dem ersten Mal Reiten gibt es bei mir immer ein paar Stunden Theorieunterricht. Wir überlegen uns welches Putzzeug wie heißt, womit an welchen Körperteilen geputzt werden darf. Wir malen Pferde aus und schreiben Begriffe auf. Die Kleineren können auch Worte ausschneiden und aufkleben. Dann gehen wir ans Pferd und setzen es praktisch um. In diesen ersten Stunden lerne ich eigentlich mehr, als die Kinder. Meine Augen und Ohren sind auf Höchstempfang eingestellt. Welches Kind kann sich gut an die eben erklärten Sicherheitsregeln halten? Welches Kind schafft es sogar die anderen auf Fehler aufmerksam zu machen und wie tut es das? Wer malt fein innerhalb der Linien und konzentriert? Wer ist sofort fertig und mit den Gedanken schon beim nächsten Ausmalbild? Wer putzt konzentriert in der richtigen Reihenfolge, wer traut sich überhaupt nicht hin ans Pferd? Und dann erst die Eltern. Wie werden die Kinder verabschiedet und begrüßt? Wer lässt sich noch schnell den Stall zeigen, wer rümpft die Nase über den Pferdegeruch? Wer achtet darauf, dass das Kind pünktlich da ist, wer ruft nur aus dem Auto aus an, dass er jetzt auf dem Parkplatz warten würde. All das sind wichtige Informationen, die mit jetzt schon Hinweise geben können, wie das Projekt „Reiten lernen“ funktionieren wird.
  5. Routinen aufbauen: Es gibt feste Regeln der Begrüßung und Verabschiedung. Jedes Kind meldet sich ab, wenn es etwas holen geht, zur Toilette geht oder etwas trinken möchte. Es werden keine Pferdeboxen betreten ohne Erlaubnis. Im Stall herrscht Schrittgeschwindigkeit und keine Tobereien. Die Reitstunde beginnt mit Schritt führen, Pferde startklar machen, Gymnastikübungen, am Ende gemeinsames aufmarschieren und gemeinsames absitzen. Wer in der Reitstunde etwas fragen oder sagen möchte meldet sich, es wird gemeinsam angehalten und die Frage besprochen. Dann geht es weiter. Wenn Regeln und Routinen klar für alle bekannt sind, ergibt das einen Rahmen in dem man sich wohlfühlen kann, weil man weiß, was auf einen zukommt. Man kann sich darauf verlassen, dass eine bestimmte Reihenfolge eingehalten wird. Natürlich kann man auch hier Ausnahmen machen. Wenn möglich kündige ich sie schon in der Vorwoche an, oder sobald sie mir bekannt werden. „Nächste Woche gehen wir auf den Reitplatz, dort üben wir für das Reiten im Gelände“, „Heute können wir in der Reitstunde nicht galoppieren, die Pferde sind etwas müde nach dem langen Ausritt am Wochenende. Dafür üben wir weiter wie das Schenkelweichen richtig geht.“ Natürlich können auch spontan Dinge geschehen, die wir nicht im Griff haben, aber auch da kommen uns unsere Routinen zu Gute, so das wir an einem für alle bekannten Punkt wieder neu starten können. „So, jetzt haben wir den frechen Fuchsi wieder eingefangen. Luisa hoch mit dir und dann versuchen wir es noch einmal so wie wir es in den letzten Stunden geübt haben. Wir reiten nochmal in der Abteilung und dann versuchen wir es später nochmal mit dem Durcheinander reiten.
  6. Bodenarbeit: Wichtig ist mir auch, dass die Kinder die Pferde am Boden händeln können. Dazu eignen sich einfach Führübungen bis hin zu Longier-Übungsstunden für die Fortgeschrittenen. Das dient zum einen der Sicherheit im Umgang, wie auch zum Verständnis der Pferdesprache und Verhalten.
  7. Reiten lernen. Ein kurzes Beispiel aus meinem Unterricht: Zu Beginn lasse ich die Kinder gerne Arme kreisen. Anweisung lautet „Zuerst vorwärts wie eine Windmühle“. Schon diese Anweisung führt regelmäßig zu Fragezeichen bei den Kindern, weil ihnen „Windmühle“ als Gegenstand überhaupt nichts mehr sagt. Oft lässt es sich durch das Wort „Windrad“ inzwischen besser beschreiben, zumal in unserer Nachbarschaft ein Windrad steht. Es hat sich aber als ratsam erwiesen, diese Übung auch schon im Theorieunterricht ohne Pferd kurz anzusprechen, ein Bild oder Film einer Windmühle zu zeigen, ihre Aufgabe kurz beschreiben und dann vorzumachen, wie die Übung gemeint ist. Kinder, die bei dieser Übung, insbesondere auch, wenn man sie rückwärts durchführen lässt, zeigen sehr deutlich, wie es um den ersten Versuch des Leichttrabens stehen wird, so meine Erfahrung. In dem Moment, wenn sie das Arme kreisen verinnerlicht haben, fällt auch der Groschen, in den richtigen Takt zu kommen. Dieses Beispiel zeigt, wie das sprachliche Verstehen das motorische Umsetzen komplett verhindern kann und das motorische Umsetzen einer Aufgabe, die eigentlich keine besondere Anforderung stellt uns Hinweise geben kann, wie eine neue motorische Aufgabe erledigt werden wird.
    Dieses Thema hier ausführlich zu besprechen führt sehr weit. Es wird in in naher Zukunft ein eigenen Artikel dazu geben. Verlinkung folgt.
  8. Weiterführen: Wichtig ist es auch die vorhandenen Fähigkeiten ausbauen und dadurch Dinge zu kompensieren, die aktuell noch schwierig für die Kinder sind. Habe ich nun also ein Kind dabei, das theoretisch sehr weit ist, im Umgang aber noch nicht, muss ich dieses theoretische Wissen einsetzen um ihm das weitere Lernen möglichst leicht zu machen. So einem Kind wird es leichter fallen beim Leichttraben den richtigen Fuß zu finden, wenn ich ihm erkläre, warum wir das machen und warum es beim Reiten in der Halle wichtig ist. Diese Kinder lernen es auch sehr schnell selber richtig zu erkennen, indem sie während dem Aussitzens das äußere Vorderbein ansagen „Jetzt…Jetzt…Jetzt…“ und dann mit dem Sprechen gemeinsam aufstehen. Habe ich jedoch ein sehr schwerfälliges Kind, das sich mit jeder Bewegungsänderung, also auch dem umsitzen schwer tut, würde ich es mit dieser Information eher überfordern, weil zusätzlich zum Gleichgewicht finden und halten, noch theoretische Inhalte übermittelt werden, die plötzlich ganz andere Gehirnareale ansprechen. Hier wäre es sinnvoller zum Halten durchzuparieren und das Thema kurz anzusprechen. Ich würde mich dabei auf den Gedanken vereinfachen, dass es ein „richtig“ und ein „falsch“ gibt und wie das Umsitzen funktioniert: „Hoch-runter-hoch-runter-HOP-hoch-runter“

Natürlich gibt es auch immer wieder schwierige Situationen, die mein ganzes Gespür als Trainer und Reitlehrer fordern. Ein Thema sind überehrgeizige Eltern, die schon nach der zweiten Reitstunde fragen wie lange es noch bis zum Grand Prix dauert. Diesen Eltern muss ich sehr bestimmt nahelegen, dass es mein Hauptziel ist, die Individualität des Kindes zu erkennen und zu fördern und dass der Prozess des Reiten Lernens nicht in Wochen oder Monaten, sondern in Jahren erfolgt. Auch ist es wichtig zu erkennen, ob der Wunsch des Reitens von den Kindern oder nur ursächlich von den Eltern ausgeht. Falls die Eltern selber keinen Zugang zum Pferd haben, bietet es sich hier auch immer an, den Eltern selber eine Reitstunde ans Herz zu legen. Wenn sie am eigenen Leib erfahren dürfen, wie schwierig es ist, ein Pferd aufzutrensen (und man sie dabei ein wenig „alleine“ lässt), den Takt im leichttraben zu finden oder im Galopp ein Pärchen Handschuhe an- und wieder auszuziehen, dann können sie eher verstehen, warum man zum reiten lernen noch länger braucht als zum lesen, schreiben, rechen.Und dafür wird ja in der Schule nicht weniger als die ersten 2-4 Jahre freigehalten werden, in denen man sich sogar täglich darin übt.

Schwierig wird es auch, wenn man als Fachkraft feststellt, dass das Reiten vielleicht nicht der ideale Sport für ein bestimmts Kind ist. Manch einer ist sehr ängstlich im Umgang, ein anderer beim Reiten. Vielleicht ist das Kind auch sehr unsportlich oder verhaltensauffällig, so dass der Umgang ein Sicherheitsrisiko wird. Auch hier ist es mir immer sehr wichtig herauszufinden, in welchem Maße das Kind den Umgang mit dem Pferd wünscht und vielleicht auch positiv für seine Entwicklung nutzen kann. Unter Umständen wäre es eine Möglichkeit eine Reitpause einzulegen und in der Zwischenzeit einfach mehr Zeit mit den Pferden zu verbringen. Vielleicht bietet auch ein Ponyhof in der Umgebung geführte Ausritte an. Mit manchen Eltern habe ich schon besprochen, das Kind besser im therapeutischen Reiten unterzubringen oder zu einem Fahrkurs anzumelden. Die Rückmeldungen, die ich von den Eltern bisher bekommen habe, bestätigen mich darin diesen Weg weiter zu gehen und Eltern auch einmal davon abzuraten, ihr Kind weiter von mir unterrichten zu lassen. So geht mir im ersten Moment eine Einnahmequelle verloren, auf Dauer gesehen bringt es dem Kind aber mehr Freude einen Platz zu finden, an dem es sich wohlfühlt und Eltern die sich gut von mir beraten fühlen, erzählen dies sicher weiter und so erfährt ein anderes Kind von meinem Unterricht, das möglicherweise genau diesen Platz gesucht hat.

Insgesamt ist es sehr empfehlenswert, sich viel mit den Eltern zu unterhalten und ihnen Tipps zu geben. Das hyperaktive Kind profitiert davon die Hausaufgaben erst nach dem Reiten zu machen, das pummelige Kind nimmt es als Anreiz sich etwas gesünder zu ernähren, wenn es weiß, dass es sich dann beim reiten leichter tun wird. Ich kann berichten, dass sich ein Kind sehr darüber geärgert hat, dass seine Freundin nun auf eine andere Schule gehen wird als es selber und die Eltern sind verwundert, dass das zu Hause zwar kein Thema war, das Kind aber schon seit Wochen nur noch trotzig auf alles reagiert. Die eine Mutti überlegt sich, wo sie an billige Reitstiefel kommt, weil das Geld nicht üppig vorhanden ist, die andere hat drei Paar Stiefel im Keller stehen und weiß nicht, an wen sie die verschenken könnte. 

Kinderreitunterricht – eine Herausforderung? Ja, Kinderreitunterricht ist eine Herausforderung! Aber noch mehr das Ganze drum herum. Warum den ganzen Aufwand, warum diese immense Vorbereitungszeit, die ständige Verfügbarkeit, der Job als Seelentröster, Löwenbändiger mit dem Talent zum Krisenmanagement, mit Überblick und Weitsicht? Vielleicht ganz einfach beantwortet: Weil es einem soviel zurückgibt!

„Bei dir macht mir alles am meisten Spaß!“