Reitlehrer & Reitschüler

Mit was war ich heute zufrieden?

make today beautiful

Nach einer Reitstunde wurde ich von meiner Reitschülerin angesprochen: „Sag mal, kannst du mir helfen? Ich brauche etwas zum dritten Punkt zur heutigen Reitstunde. Ich nutze da seit neuestem ein Buch in dem ich mir viele Dinge aufschreibe, ähnlich wie ein Tagebuch, ein Trainingsbuch. Sechs Fragen möchte ich mir immer beantworten, aber die dritte stellt mich vor eine große Aufgabe.“ Ich ließ mir das Buch und vor allem die ominöse dritte Frage zeigen:

„Mit was war ich heute zufrieden?“ Sofort kamen mir einige gute Momente der Reitstunde in den Sinn und ich war verwundert, dass es meiner Schülerin so schwer fiel auch nur auf einen der Punkte zu kommen. Erstaunt sah ich sie an, noch erstaunter schaute sie zurück. „Bist du denn nicht zufrieden mit deiner Reitstunde heute?“ „Doch schon“ meinte sie, „aber als der Zirkel fast rund war, hat er sich vor dem Spatz erschreckt und als wir angaloppieren wollte, konnte ich nicht verhindern, dass er sich aus der Anlehnung nach oben raus hebt und beim Zügel aus der Hand kauen lassen wurde er eilig und ..“ Da musste ich schnell unterbrechen: „Jetzt mal langsam. Kannst du dich noch an den Trab-Halten-Übergang erinnern?“ „Ja schon, der war eigentlich ganz gut, aber du meintest sofort er steht hinten links raus, also auch nichts womit ich heute zufrieden sein kann“

Kurz war ich erschrocken über die, doch so unterschiedlichen Sichtweisen der aktuellen Trainingsstunde. Als sich das Pferd vor dem Spatzen erschreckte war ich beeindruckt wie souverän sie die Situation lösen konnte und völlig entspannt versuchte die Situation zu retten und die Hufschlagfigur zu Ende zu reiten. Das Rausheben beim Angaloppieren ist eine, für dieses Paar, leicht zu lösende Aufgabe, jedoch lag das Hauptaugenmerk der heutigen Stunde nicht bei diesem Thema, da konnte ich drüber hinwegsehen und habe es nicht weiter kommentiert. Das eilig werden beim Zügel aus der Hand kauen lassen könnte man auch damit in Verbindung bringen, dass seine Stall- und Koppelfreundin eben genau in diesem Moment die Halle verlies. Ich hatte mich eher daran gefreut, dass er nicht sofort wiehernd den Kopf hob und ihr nachschaute, sondern sich weiterhin auf seine Reiterin konzentrierte.

Erste Lektion des Tages: Wir müssen unsere Wahrnehmung der Situation immer von verschiedenen Seiten betrachten und wenn wir die Möglichkeit haben gegeneinander abgleichen.

Nun ja, die ursprüngliche Frage war noch nicht geklärt. Aber irgendetwas musste es doch geben mit dem sie zufrieden war. Vielleicht können der Reitschülerin Fragen helfen, die ich vor längerer Zeit mal gelesen und mir notiert hatte. Ein kurzes Nachdenken, dann kam ich wieder drauf:

  • Was kann mein Pferd besonders gut?
  • Was kann ich besonders gut?
  • Was können wir gemeinsam besonders gut?
  • Was kann ich meinem Pferd gut vermitteln?
  • Was zeigt mein Pferd mir sehr deutlich?

Sie sah mich an und fragte „Auf heute bezogen?“ „Nein, ganz allgemein gesehen.“ Sie bat mich um einen Augenblick, notierte sich die Fragen und meinte dann, sie würde darüber gerne in Ruhe nachdenken.

Zweite Lektion des Tages: Du kannst Wissen und Ratschläge weitergeben, die Antwort darauf muss aber jeder für sich selber finden und definieren.

Leider waren wir nun noch immer nicht weiter in der Frage „Mit was war ich zufrieden?“ „Gut“, meinte ich dann, „warst du glücklich beim Reiten? Welche Aufgabe heute hat dir ein gutes Gefühl vermittelt?“ Spontan kam die Antwort meiner Reitschülerin, sie sei heute mit sehr viel Freude in den Stall gekommen, habe es genossen ihr Pferd zu putzen und für die Reitstunde zu richten. Aber eine Antwort auf die Frage ob sie damit zufrieden sei, wäre das ja auch nicht, das sei doch Alltagsgeschäft, wenn auch mit einem sehr angenehmen Gefühl heute.

Lektion 3: Manchmal kann man das Glück auch in den kleinsten Alltagssituationen finden.

Dann versuchen wir es doch mal von der anderen Seite her, so viele Dinge hatte sie erwähnt, die ihrem Gefühl nach nicht so gut gewesen sind. Was war denn der schlimmste Moment? Und gleich hinterher die Frage, wie konnte sie diesen Moment denn lösen, was für eine Idee hatte sie aus dem Thema wieder heraus zu kommen? Die Antwort überraschte mich. „Ich bin sauer gewesen, dass du beim Trab-Halten-Übergang direkt kommentieren musstest, dass das Hinterbein rausgestellt war. Ich war ja gerade erst fertig mit dem durchparieren, hatte noch keine Chance ins Pferd zu fühlen und schon kommt so eine Ansage.“

Jetzt war ich baff, selber etwas verunsichert und fragte trotzdem noch nach: „Wie konntest du die Situation denn dann für dich lösen? Was wünschst du dir von mir?“ Ihre Antwort beruhigte mich und ließ mich etwas schmunzeln: „Jedes Pferd wird mit halben Paraden auf anstehende Dinge vorbereitet und erst wenn man merkt, dass man die Aufmerksamkeit hat, dann kommt die Ansage. Gib auch mir diese Zeit. Lass mich den Übergang konzentriert reiten, dann bin ich aufnahmefähig für weitere Anweisungen. Oder lass uns nochmal zurückgehen zu den Schritt-Halten-Übergängen, die gelingen besser, da kann ich dir auch währenddessen folgen und direkt korrigieren“. Dann lächelte sie mich an und meinte: „Danke für deine Unterstützung und deine Zeit die du dir für mich nimmst.“

Die vierte Lektion: Wenn du eine Situation hast, die schlecht gelaufen ist und an der eine andere Person beteiligt ist, dann suche das Gespräch. Oft finden sich einfache Lösungen.

Und direkt anschließen auch die fünfte Lektion des Tages: Sei dankbar für tolle Menschen die du um dich herum hast, die dich unterstützen und ihre Zeit gerne mit dir verbringen.

Jetzt war ich doch auch neugierig auf die anderen Punkte der Liste, vielleicht würden wir ja so zu einer Antwort finden.

Die Fragen und Antworten meiner Reitschülerin

  1. Wofür bin ich dankbar? – Dass ich die Möglichkeit habe mit meinem Pferd Reitstunden zu nehmen
  2. Was habe ich heute gelernt? – Tieffliegende Spatzen haben Vorfahrt 😉
  3. Mit was bin ich zufrieden? – ??
  4. Wie fühle ich mich heute? – Sehr warmes, wohliges Gefühl beim Putzen und Richten
  5. Was war schwierig/schlecht/…? Wie ändere ich es? – Ich habe mich über den Kommentar beim durchparieren geärgert. Wir sollten nochmal einen Schritt zurück gehen, damit ich entspannter bleiben kann
  6. Was ist mir noch wichtig zum heutigen Tag? – Ein wundervoller Frühlingstag, konnte ihn bei einer kleinen Schrittrunde zum Aufwärmen sehr genießen

Sie lächelte mich an und meinte dann: „Die Lösung zur Frage Nummer 3 lag die ganze Zeit direkt vor mir. Und doch konnte ich sie erst nicht sehen: Ich bin sehr zufrieden dich zur Reitlehrerin zu haben, du hast viel Geduld mit mir“.

Und somit die letzte Lektion des Tages: Lob macht glücklich. Wir sollten es öfters tun.

Lange noch musste ich über dieses Gespräch nachdenken und als ich schon fast ins Bett steigen wollte kam mir ein Gedanke. Ich schlug mein Notizbuch auf, notierte die Fragen. Die Antworten flossen nur so aus meiner Feder. Na, was meint ihr, besonders überraschen kommen die Antworten nun sicher nicht mehr für euch

  1. Wofür bin ich dankbar? – Lektion 5: Sei dankbar für tolle Menschen um dich
  2. Was habe ich heute gelernt? – Lektion 1:  Jede Wahrnehmung hat verschiedene Seiten
  3. Mit was bin ich zufrieden? – Lektion 6: Lob macht glücklich
  4. Wie fühle ich mich heute? – Lektion 3: Glück kann man in Alltagssituationen finden
  5. Was war schwierig/schlecht/…? Wie ändere ich es? – Lektion 4: Gespräche helfen Lösungen zu finden
  6. Was ist mir noch wichtig zum heutigen Tag? – Lektion 2: Ratschläge sind gut, Antworten muss jeder selber finden