Reitlehrer & Reitschüler

Reise ins Land der Fantasie

Meine Zwergengruppe, die kleinsten der Kleinen und doch schon “soooooo groß”, dass sie auch aufs Pferd steigen wollen. Die größeren Geschwister machen es vor oder die Mutter bringt die Babys schon im Kinderwagen schlafend, kurz nach der Geburt, mit zum Pferd. Und irgendwann steht dann steht die Frage “Reitunterricht?” im Raum….

Natürlich kann man sich in diesem Alter den gewöhnlichen Reitunterricht vollkommen abschminken. Zu groß der Kopf im Vergleich zum restlichen Körper, als dass er der Beschleunigung im Trab lange stabil standhalten könnte. Zu kurz die Konzentrationsspanne für eine Stunde Reitunterricht und ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten Anweisungen verstehen und umsetzen zu können. Links, rechts, Zehen, Zeigefinger, der Buchstabe “H” oder die Vorstellung eines Kreises, all das ist in diesem Alter noch nicht gegeben.

Voraussetzung für Reitunterricht in diesem Alter (die aktuellen Zwerge sind zwischen vier und fünfeinhalb Jahre alt) sind vor allem Eltern oder Begleitpersonen, die sich gut mit Pferden/Ponys auskennen und deren Fähigkeit, schnell mit beurteilen und gegebenenfalls handeln zu können. Es mag vielleicht nett aussehen, wenn die Vierjährige von der achtjährigen Schwester auf dem Shetty geführt wird. Wenn das Pony aber frech wird und nach der Führerin zwickt, kann die große Führerin vielleicht schon schnell genug reagieren und das Pony ermahnen, doch damit rechnen kann man nicht. Genauso wenig kann man mit der Reaktion des Ponys rechnen, das dann vielleicht rückwärtsläuft, den Kopf hochnimmt und die kleine Schwester obendrauf so vollkommen den Halt verliert.

Die Ponys werden in diesen Stunden stets geführt und gegebenenfalls läuft eine weitere Person zur Sicherung des Kindes, zumindest am Anfang noch mit. Ob die Ponys einen Sattel oder nur ein Pad mit Gurt tragen, das sind Entscheidungen, die man je nach Pony und auch je nach Kind treffen muss. Wichtig ist auf angemessene Reitkleidung zu achten. Ein gut sitzender Helm ist ein absolutes Muss, genauso wie auch passendes Schuhwerk getragen werden sollte.

Natürlich und ganz besonders sind auch die Ponys gefordert, wobei in diesem Alter nicht unbedingt die kleinsten der kleinen Shettys die am den besten geeignetsten Reitponys sind. Alleine putzen können die Kinder sowieso noch nicht und oft sind die schnellen Schritte der kleinen Ponys mit viel Bewegung verbunden und dadurch schwierig für das Gleichgewicht der Zwerge. Wichtig sind hier vor allem absolut “kinderfeste” Ponys. So muss man trotz aller Erklärungen und zwei extra Augen, damit rechnen, dass so ein kleines Reiterlein sich mal plötzlich auf den Hals des Ponys legt, weil es müde ist, oder beim Putzen, trotz aller Ermahnungen, unter dem Pony landet. Da diese Aufgabe auch für das Pony anstrengend ist, sollten sich die Zwergen-Stunden in einem verträglichen Maße abspielen. Die Ponys benötigen immer wieder auch Korrektur bei den alltäglichen Dingen wie Hufe auskratzen oder in die Box führen und durch Korrekturberitt kann wieder Sicherheit gegeben werden.

Ich persönlich bin der Meinung, dass es für die Zwerge vollkommen ausreichend ist alle zwei Wochen mit zum reiten zu kommen. Gerne regelmäßig, damit auch Stück für Stück eingeübte Regeln und Abläufe immer wieder wiederholt werden. Der Input von solchen Reitstunden ist aber auch sehr hoch und das darf man weder auf körperlicher noch auf geistiger Ebene übersehen. Für die reitfreie Woche bietet es sich ja auch an, die Pferde einfach mal auf der Koppel zu beobachten oder im Stall ein wenig beim fegen oder Futter richten zu helfen. So lernen die Kleinen auch frühzeitig, dass zum Hobby Pferd noch mehr gehört, als nur obenauf zu sitzen.

Wie viele Kinder in der Gruppe? Hier kann ich als Richtschnur nur geben, je unerfahrener und kleiner die Kinder sind, desto kleiner sollte die Gruppe sein. Später kann sich auch eine Vierer- oder Sechsergruppe anbieten. Für den Anfang habe ich gute Erfahrungen mit einer halben Stunde zu zweit gemacht.

Und was macht man nun in so einer Zwergenreitstunde? Zuallererst mal fast ausschließlich Schritt. Dabei kann man einbauen was auch immer einem einfällt und was die Pferde kennen und brav mitmachen. Stangen, Hütchen, Tonnen. Bälle. Hula-Hoop-Reifen, Flatterband, ein Kuscheltier, Bauklötze, Joghurtbecher. Was man aber noch viel mehr braucht als Materialien, ist Fantasie und davon kann man eigentlich nicht genug haben.

Aus dem Flatterbandvorhang wird in der einen Woche eine Baustelle, in der nächsten sind es Lianen die im Urwald herabhängen, oder es sind Würmer oder die riesenlangen Socken, die die kleine Frau Millemalle gestrickt hat um sie der Spinne Willewalle anzuziehen.


Die Stangen auf dem Boden sind heute Baumstämme im Wald und morgen sind es Eisenbahnschienen, übermorgen wird ein ganzer Springparcours daraus und im Herbst ist es ein Labyrinth, in dem man sich mit geschlossenen Augen nicht verirren sollte. Sandsäckchen lassen sich mal als Wegmarkierungen nutzen. Ein anderes Mal sind ihre unterschiedlichen Farben fürs Memory wichtig und wenn man sich drauf setzt oder sie auf dem Kopf balanciert, dann kann man sie sicher auch gut zum Zielwerfen nutzen.

Wichtig für den Zwergenunterricht sind immer wiederkehrende Routinen, die die Kinder schnell abspeichern und lieben lernen, aber dann auch einfordern. So ist der aktuelle Hit, wenn wir während der Reitstunde einmal die Ponys tauschen. Bedeutet eine kurze Pause zum durchatmen für die vierbeinigen Helfer und eine weitere Chance für die Kinder unterschiedliche Bewegungen kennen zu lernen. Auch ganz wichtig ist die Runde rückwärts auf dem Pferd reitend, also mit Blickrichtung auf den Pferdepopo. Manch ein kleines Reiterchen traut sich das am Anfang noch nicht, dann darf es das einfach mal im Stehen versuchen. Ganz wichtig ist es die Ängste der Kinder ernst zu nehmen und ihnen Alternativen anzubieten, idealerweise Dinge, von denen man weiß, dass sie sich die schon trauen. Also statt “ohne festhalten” reiten, dann besser “einen Luftballon in einer Hand mitnehmen” oder statt Pony umarmen und loben, vielleicht absitzen und so streicheln lassen. Alles kann, nichts muss, ein wichtiger Satz, nicht nur für die Kleinsten der Kleinen. Mutig werden sie ganz von alleine, wenn man ihnen den Rahmen bietet und Sicherheit vermittelt.

Wie sieht es nun aus mit dem Wunsch der Zwerge nach “schneller”? Auch den erfülle ich ihnen natürlich gerne. Allerdings in winzigen Reprisen (sehr kurze Strecken und wenig in Anzahl) und in sehr gemäßigtem Tempo. Vorsicht auch hier bei den ersten Versuchen, manch ein Freudenjauchzer hallt in Pferdeohren eher erschreckend als beruhigend.

Stück für Stück bekommen die kleinen Reiter so die Regeln im Stall und im Umgang mit den Pferden vermittelt. Immer in Begleitung der Eltern, bevor sie dann mit Übergang in die Grundschule in die Ponygruppen wechseln können, in denen dann weitere Grundsteine gelegt werden.

Und so konnten wir in unsere Zwergengruppe einen tollen Neujahrsritt feiern. Glückskekse aus Papier ziehen, auf denen Aufgaben standen wie “Ponys tauschen”, “Rakete spielen”, “schneller reiten”, “Ponys mit silbernem Pfeifenputzern schmücken” oder “Luftschlange blasen”. Am Ende gab es noch ein Knallbonbon mit Konfetti und eine Wunderkerze, die die Ponys aus sicherer Entfernung sehr gelassen betrachteten (war ja vorher schon geübt). Während die Erwachsenen die Ponys wieder in die Box stellen, blieb für uns noch das Aufräumen in der Halle. Auch dies ist ein Punkt der zur gemeinsamen Routine gehört. Und wer hätte es gedacht? Schwupps wurde aus dem Konfetti Schnee und die Luftballons waren flink wie kleine Mäuschen als man versuchte sie zu erwischen. Eines versteckte sich unter dem Hocker und die reale Welt war wieder für einen Moment mehr Fantasie als man es sich als Erwachsener noch jemals vorstellen kann.