Reitlehrer & Reitschüler

Wann hört „Reiten lernen“ eigentlich auf?

Jeder von uns kennt die Antwort: Reiten lernen lernt man sein Leben lang. Na, dann formulieren wir die Frage doch einfach etwas um: „Wann kann ich reiten?“ Wenn wir jetzt die logische Schlussfolgerung aus dem eben gesagten ziehen, dann muss die Antwort heißen „Niemals“. Aber ist das nicht enttäuschend?

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Lesen lernen. Zuerst die einzelnen Buchstaben, dann Wörter, schließlich die ersten kleinen Sätze, aus denen werden Absätze, dann ganze Kapitel und dann Bücher. Projekt „lesen lernen“ erfolgreich abgeschlossen, oder?

Aber auch hier würde meine Antwort eher heißen…. Vielleicht… Wenn wir jetzt etwas weiterdenken, dann besteht doch nochmal ein großer Unterschied darin, ob ich Romane lesen kann oder Gedichtbände. Klar, die Wörter können die gleichen sein, aber der Inhalt, der dahintersteht – die Bedeutung, die der Autor in sein Werk gelegt hat – macht das nicht auch einen Teil des „lesen Lernens“ aus? Oder diese Werke mit einem Publikum zu teilen, statt nur für sich zu lesen, das VORlesen erlernen. Vielleicht durch das Lesen auch ein Stück die Welt bereisen, fremde Kulturen oder Zeiten zu studieren, sich darüber BElesen. Wenn man ganz gut darin ist, dann auch mal ein Schriftstück GEGENlesen oder sich neues Wissen ANlesen. Man kann sich unterwegs aber auch mal VERlesen und muss dann nochmal NACHlesen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wann hört „reiten lernen“ eigentlich auf?

Meine Antwort darauf: Ich hoffe NIE! Sich auf dem Pferd halten können ist der eine Teil, dann folgen die ersten eigenen Lenkversuche, das Reiten von kleinen Lektionen und Hufschlagfiguren. Irgendwann werden diese Dinge dann aneinandergereiht. Aber auch dies ist nur ein kleiner Teil um dem „reiten lernen“ auf die Spur zu kommen. Es beginnt damit, eine Übung nicht nur zu reiten, sondern auch noch zu bemerken, ob sie gut gelungen ist oder schlecht. Dabei immer unterstützt durch einen Reitlehrer, der schnelles und positives Feedback geben kann. Es geht vielleicht weiter, indem man sich überlegt, wie man eine Übung sinnbringend fürs Training nutzen kann. Oder sie so genau in ihrer eben erfolgten Ausführung zu beschreiben, dass man für das nächste Mal einen Ansatzpunkt zum Verbessern hat. Man sich darin versucht, einem anderen etwas zu erklären, oder sich gar mit der Frage beschäftigen, einem jungen oder unausgebildetem Pferd etwas beibringen zu wollen. Und auch hier wieder, dies sind alles Aspekte des „reiten Lernens“. Von jedem Pferd, in jeder Übung, ich gehe sogar so weit zu sagen, in jeder einzelnen Ausführung einer Lektion, lernen wir etwas, ein kleines Steinchen auf dem Weg zum „reiten lernen“.

Kann ich denn auch aufhören mit dem „reiten lernen“? Klar, Stillstand ist immer möglich, auch Verschlechterungen sind immer drin. Es gibt viele Aspekte, durch die es dazu kommen kann. Manche gewollt herbeigeführt, manche den Umständen geschuldet. Aber das soll hier nicht das Thema sein. Wichtiger ist zu erkennen, unter welchen Umständen ich oder mein Reitschüler am besten lernen kann und dabei kann auch das Wissen helfen, welcher Lerntyp man ist.

In der Literatur findet man den visuellen (mit dem Auge), den auditiven (übers Gehör), den motorischen (durch Bewegung), den kommunikativen (mit Hilfe von Gesprächen und Erklärungen), den haptischen (mit den Händen begreifenden), den lesend-schreibenden, den kinästhetischen (über Bewegungsempfindung lernenden) Typ. Beschrieben werden aber auch der Theoretiker, der Anwendungsorientierte, der Musterschüler, der Gleichgültige oder der Unsichere.

Interessant wird es vor allem, wenn man mehrere Reitschüler gleichzeitig unterrichtet oder nacheinander verschiedene Schüler, die auf ähnlichem Niveau zu unterrichten sind. Ich stelle eine Aufgabe an meinen Reitschüler, wie kann er sie umsetzen? Hilft es ihm, wenn ich ihn, wie es meistens geschieht, mit der Stimme in der Ausführung unterstütze? Oder macht es mehr Sinn, ihn nach der Übung zu mir zu bitten und die verbesserungswürdige Schenkellage mit den Händen korrigieren? Braucht er gar einen Buchtipp, um nachzulesen, was die anatomischen Hintergründe für das vorwärts-abwärts sind, so dass er es logisch nachvollziehen und dann in der nächsten Reitstunde besser erarbeiten kann?

Jetzt spreche ich hier aber schon seit einigen Absätzen vom Unterrichten, wie verhält es sich denn dann in Bezug aufs „reiten lernen“? Nochmal kleiner Sprung zurück zum Thema Lesen. Wer schon einmal selbst versucht hat:

  • Ein Gedicht zu schreiben, sich Reime zu überlegen…
  • Einen Satzbau zu finden, der ähnlich lang zur vorherigen Zeile ist…
  • Ein Thema zu suchen und dies mit kleinen Stilelementen zum Leben zu erwecken…
  • Die Stimmung, die man selbst beim Schreiben hatte, auch an den Leser weiterzugeben…

Jeder wird das nächste Gedicht mit anderen Augen lesen und aufnehmen.


Genauso geschieht es auch beim „reiten lernen“ und „unterrichten“, ich verbessere das eine durch das andere und kann tiefer in die Materie eintauchen.

Umso wichtiger ist es, schon früh genug zu verstehen, dass „reiten lernen“ sich nicht darin erschöpft, sich irgendwie auf dem Pferd halten zu können, oder die Richtung einigermaßen vorgeben zu können. Reiten erlernt man mit jeder einzelnen Erfahrung die auf dem Pferd, mit dem Pferd oder beim Lesen, Sprechen oder Schreiben übers Pferd gemacht wird. Das Wissen wird intensiviert und weiter ausgebaut. Nutzt euer Wissen und eure Erfahrung, um mit anderen Reitern und Pferdemenschen zu sprechen, Schwächeren zu helfen und Informationen aufzunehmen, wann immer es euch möglich ist.

Diese Summe an Erfahrungen und Gefühlen prägt dann auch das eigene reiterliches Fortkommen. So kommen wir zur Erkenntnis, dass Talent zwar möglicherweise für die ersten Schritte reicht, viel ausschlaggebender ist aber die Leidenschaft und die Begeisterung, die zu Fleiß führen und dadurch erst zu wirklichem „Reiten lernen“.